„Das Bild der ausgeaperten Vergangenheit“

Vor 100 Jahren brach der erste Weltkrieg aus. Dazu fand die Welturaufführung
von „Der Stille Berg“ im Kino statt. Der starbesetzte Blick des Tiroler Regisseurs Ernst Gossner auf das Drama, das sich im unerbittlichen Kampf des Gebirgskrieges in den Alpen abspielte.

Tirol, im Jahr 1915: Auf der Hochzeit seiner älteren Schwester Elisabeth lernt der Tiroler Hotelierssohn Andreas Gruber die italienische Klosterschülerin Francesca Calzolari kennen. Er verliebt sich in sie. Kurz darauf erklärt Italien der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn den Krieg. Während Andreas auf österreichischer Seite in den Krieg ziehen muss, wird sein Schwager Angelo Soldat der italienischen Streitkräfte.
Francesca verbleibt als Krankenschwester zurück. In den Dolomiten entbrennt daraufhin die Schlacht. Eine harte Probe für die Liebe und die Menschlichkeit.

Die Ereignisse rund um den amerikanischen 11. September waren es, die den Tiroler Regisseur und Produzenten Ernst Gossner auf das Thema Krieg brachten:
„Ich war damals in Los Angeles und musste mitansehen, wie schnell nach den Anschlägen aufs World Trade Center ein Krieg ins Bewusstsein der Menschen reingehämmert wurde. Und wie schnell dann Afghanistan und der Irak attackiert wurden. 2004 aperten dann Leichname von Soldaten aus dem Gebirgskrieg aus dem Eis. Dieses Bild der ausgeaperten Vergangenheit hat mich nicht mehr losgelassen und die Idee zu Der Stille Berg war da.“

Die Kriegserklärung der Italiener an die k.u.k-Monarchie, hinter der auch König Vittorio Emanuele III. stand – wenngleich es seit 1882 mit dem so genannten Dreibund ein geheimes Defensivbündnis zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem Italienischen Königreich gab, war Startschuss für eine lange und unerbittliche Gebirgsschlacht. Die Italienfront verlief vom Stilfser Joch an der Schweizer Grenze über Tirol entlang der Dolomiten, der Karnischen Alpen und des Isonzos bis zur Küste der Adria. Damit befand sich Österreich-Ungarn ab sofort in einem Dreifrontenkrieg.
Die Österreicher konnten Teile der Italienfront zu Beginn der Kampfhandlungen nur ungenügend absichern, es kamen vielfach lediglich örtliche Milizen, Landwehr und Landsturm zum Einsatz, darunter 30.000 Standschützen. Auf italienischer Seite kämpften die Alpini, die, 1872 gegründete älteste aktive Gebirgsjägertruppe der Welt. Darunter befanden sich Bataillone mit Sonderaufgaben, beispielsweise Ski-Bataillone. Die Alpini operierten im Gelände und den hochalpinen Schwierigkeiten entsprechend meist in Form kleiner Angriffstruppen. Die Kampfhandlungen begannen am Isonzo unmittelbar nach der Kriegserklärung. Trotz großer Überlegenheit und Gebietsgewinnen gelang den Italienern weder in dieser Schlacht noch in der unmittelbar darauf folgenden Zweiten Isonzoschlacht ein entscheidender Durchbruch. Dies gilt auch für die Erste Dolomitenoffensive, dem eigentlichen Beginn des Alpenkriegs, der ein weiteres Novum in der Militärgeschichte bedeutete: Nie zuvor hatte es langandauernde Kampfhandlungen im Hochgebirge gegeben, die bis auf eine Höhe von 3900 Metern mit der Ortlerstellung führten.

Es war ein Kampf in und mit der Natur, wenn die beiden Gewalten Krieg und Berg aufeinandertreffen:
„Die Natur war ein wichtiger Teilnehmer des Gebirgskrieges“, so Gossner.
„Immerhin war sie es, die mehr Leuten das Leben gekostet hat als direkte Feindeinwirkung. Und wenn man in den Dolomiten dreht und das auch noch in Originalstellungen von damals, dann wird einem dieser Wahnsinn nochmals bewusster. Ein Dreckskrieg in einer monumentalen Landschaft. Und dann ist da noch der Berg, der keine Moral hat. Und wenn er eine hätte, dann wäre es dem Berg egal, ob wir uns auf ihm oben den Kopf eindreschen. Der war vorher still und er war es danach auch wieder.“

Entsprechend herausfordernd und dramatisch gestalteten sich die Dreharbeiten in Tirol und Südtirol:
„Die Dreharbeiten waren heftig. Dann sind wir in die Dolomiten. Einfach eines der schönsten Bergmassive der Welt. Wir drehten in den Originalschauplätzen des Gebirgskrieges und wurden in den Bergen vom Blitz getroffen. Der Blitz hat ca. 100 Meter vor uns eingeschlagen und hat sich über uns abgeladen. Neun Verletzte, drei auf der Intensivstation. Und der Blitz fuhr auch durch die Kamera ins Auge unserer Kamerafrau und versengte ihr den Sehnerv. Das gibt’s auch… Es war schlimm. Das Team hat aber Unglaubliches geleistet und wir machten weiter. Da kam der nächste Blitz. Der uns nicht getroffen hat, aber wir mussten wieder unterbrechen. Dann nahm eine Mure ein ganzes Schlachtfeldset mit und zerstörte es. Jedenfalls hab ich den Blitz dann wieder in den Film zurückgeschrieben Kurz vorher hatten wir den Blitz wegen Budgetproblemen aus dem Drehbuch gestrichen.“
Warum eine Aufarbeitung des traumatisch erlebten Ersten Weltkriegs für Österreich so schwierig ist, ortet Gossner darin, dass kurz darauf der nächste Weltkrieg dazwischen kam: „Manchmal kommt’s mir vor, als ob da einfach soviel verschütt gegangen ist, dass es wieder drei oder vier Generationen gebraucht hat, um sich dem einigermaßen stellen zu können. Wenn überhaupt.“ Dennoch sollte man es nicht vergessen:
„Sich mit Geschichte auseinanderzusetzen ist fundamental. Ich hab grad einen Online-Kurs über die Geschichte der Menschheit absolviert und der Professor meinte abschließend, dass man Geschichte nicht studiert um aus der Vergangenheit zu lernen, sondern sich von ihr zu befreien. Wir spüren den Griff der Vergangenheit im Nacken, sobald wir geboren werden und wir merken’s nicht einmal. Das Studieren von Geschichte zielt darauf ab, diesen Griff zu lockern und unseren Kopf freier bewegen zu können und in neuen Wegen zu denken.“

Die Geschichte wird mit namhafter und internationaler Besetzung inszeniert. Darunter Claudia Cardinale, Fritz Karl oder William Moseley (als Anderl Gruber). Der junge britische Schauspieler, der sich als Peter Pevensie in den Chroniken von Narnia, in viele Fanherzen spielte, wurde erst nach lokalem Casting entdeckt:
„Wir haben zuerst in Tirol nach dem passenden Anderl gesucht. Wir haben extrem begabte junge Schauspieler gefunden, aber es war niemand dabei, der uns 100% überzeugt hat. Als ich merkte, dass es sich vom authentischen Tiroler weg entwickelt, war’s mir dann schon egal, ob er aus Deutschland oder aus England kommt. Die Castingagentin meines ersten Spielfilms hat uns dann auf William Moseley aufmerksam gemacht. Ich fand ihn von Beginn an die perfekte Besetzung für Anderl.“
Claudia Cardinale allerdings war Gossners Wunschkandidatin für die Rolle der Nuria Calzolari, Mutter von Anderls Geliebter Francesca Calzolari, dargestellt von der jungen italienischen Schauspielerin Eugenia Costantini: „Wir haben ihr das Drehbuch geschickt und sie hat gleich zugesagt.“

„Wir wollten von Beginn an einen Film machen über Krieg und was er mit den Menschen macht“, bringt Gossner die Botschaft des Stillen Bergs auf den Punkt. „Jede Pore des Filmes erzählt vom Krieg. Vom Witz bis zum Tod. Als großes Theater und als bittere Erkenntnis. Keine der Figuren in Der Stille Berg bleibt vom Krieg verschont. Alle ändert er, der Krieg.“ Vor dem Hintergrund einer europäischen Gemeinschaft, die in Nationalitäten zerrissen wird und von einem schicksalshaften Patriotismus lebt, meint der Regisseur, dass noch etwas anderes bezüglich der Vergangenheitsbewältigung gelungen ist: „Was uns denke ich auch gelungen ist, zu zeigen, wie es unsere Urgroßeltern erwischt hat. Ich glaube, dass man nach dem Film besser weiß, wie es denen damals ergangen ist. Man darf ja auch nicht vergessen, dass es in Tirol Südtirol und Trentino keine einzige Familie gibt, die nicht mit diesem Konflikt in Verbindung steht, wenn sie damals schon ihre wurzeln dort gehabt hat. Wir merken das auch an den Leuten, die an uns herantreten und von ihren Großeltern oder Urgroßeltern zu erzählen beginnen.“
Überhaupt sind die Berge für Gossner „jedesmal beeindruckend. Aber manchmal eben auch zu beeindruckend. Toll waren die Besuche etwa auf der Madatsch-Stellung im Ortlergebiet für unseren Dokumentarfilm Global Warning.“ Auch mit persönlichem Schicksal sind sie verbunden so mit einem „Lawinenabgang im Kühtai, bei dem ein guter Freund von mir verschüttet wurde und ich ihn ausbuddeln musste oder besser durfte. Dann, letztes Mal, als ich mich verging und plötzlich mitten in einer Wand hänge und eh kein guter Kletterer bin. Immer spannend und beeindruckend. Aber auf jeden Fall muss ich noch mehr in den Dolomiten marschieren. Soviel ist sicher.“
Bereits in seiner Dokumentation „Global Warning“ (2011) hat sich Gossner mit dem Tiroler Gebirgskrieg beschäftigt und sich die Frage gestellt, „warum die Welt noch immer brennt?“

„Der Stille Berg“ ist ein „spannender“, „abenteuerlicher“, „liebevoller“ Film vor einer „gewaltigen Bergkulisse“, die heute noch immer auf dieses dramatische, geschichtsträchtige Ereignis herunterschweigt und emotionslos immer neue Zeugnisse der dunklen Zeit zutage fördert.

[Klaus Oberrauner, KulturToDate, April 2016]

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„Dobar Tek!“ beim Ilija

Das renommierte Fischlokal in der charmanten Wiener Josefstadt, vom Kroaten Ilija Djuric eröffnet, blüht nun in Familienhand unter seinem Sohn Denis Djuric im zentralen Kulturbezirk weiter. Ausgezeichnet vom Gault Millau 2006 und 2007 mit einer Haube möchte er mit seiner Kreativität und der Küche seines Herkunftslandes seine Gäste verwöhnen. Ein Lokalaugenschein.

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Ilija – Spezialitäten aus Dalmatien in der Josefstadt. | Foto: Klaus Oberrauner

Eine kulinarische Familientradition im Herzen Wiens
Als Ilija Djuric im Mai 1983 sein Fischlokal in der Piaristengasse 36 – in unmittelbarer Nachbarschaft des Josefstädter Theaters und in der Nähe von Rathaus, Parlament und Volkstheater – eröffnete, erfüllte sich erfüllte sich der gelernte Koch einen Traum. Allein die Liste prominenter Besucher, die sich im familiären Ambiente wohlfühlten, spricht für die gelebte Qualität.
Unter ihnen keine Geringeren als etwa Franz Antel, Reinhard Fendrich, Uschi Glas oder Peter Weck.
Denis Djuric selbst, der im Palais Schwarzenberg Koch gelernt hat, tritt in die Fußstapfen:
„Gastfreunlichkeit auf familiärer Basis wird großgeschrieben. Wir sind kein Massenprodukt, keine Kette. Wir sind ein Familienbetrieb, wo alle zusammenarbeiten.“

Produkte aus der Region
Neben dem breiten Sortiment an Meeresfisch von Calamari über Seezunge bis hin zum Seeteufel – den Fischspezialitäten aus Dalmatien – gibt es auch andere regionale Köstlichkeiten, wie etwa den Pršut, den Dalmatinischen Prosciutto. „Es gibt Teile in Kroatien, wo der Pršut luftgetrocknet wird wie in San Daniele oder es gibt den mit dem vom Holz aufgezogenen Räucheraroma. Das ist der traditionelle, richtige Pršut“, erklärt Denis Djuric. Empfehlenswert sind auch die preiswerten Wochenmenüs: „Das ist unterschiedlich jeden Tag. Da gibt es eine Mittagskarte, wo ich sechs Gerichte anbiete die ganze Woche und man kann sich dann jeden Tag ein anderes Gericht nehmen. Man kann auch alle Gerichte zum Mitnehmen haben.“
Auf die Frische seiner Produkte legt der junge Chef größten wert: „Diese Qualität hat für mich oberste Priorität und dafür stehe ich mit meinem Namen.“
Natürlich darf zu den adriatischen Gaumenfreuden auch nicht der Wein aus der Region fehlen. Tropfen von Slawonien bis Dalmatien stehen zur Auswahl wie der Graševina, der Pošip oder der Malvazija. Gute Weiße zum Fischgenuss. „Kroatien ist ein wunderbares Land, das alles hat“, freut sich Djuric, der auch das Eigenartige des regionalen vino betont: „Einen Welsch-Riesling gibt es auch in Wien, einen Chardonnay gibt es auch in der Steiermark. Das macht die besonderen Sorten des kroatischen Weines aus, die in der entsprechenden Region erst so richtig zur Geltung kommen. Das ist eine andere Qualität, das sind andere Geschmacksaromen.“

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Der frische Fisch ist beim Ilija schmackhafte Qualität. | Foto: Klaus Oberrauner

Ein buntes Publikum
Diese positive und einzigartige Atmosphäre des kleinen, rauchfreien und klimatisierten Restaurants mit gemütlichem Wintergarten zieht jeden Tag ein Nebeneinander aus unterschiedlichen Schichten zusammen: Der Politiker neben dem Schauspieler, der Student neben dem Touristen, der Einheimische neben dem Zugereisten. Das Stammpublikum ist ein Buntes.

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Köstlicher Genuss und einladendes Ambiente beim Ilija. | Foto: Klaus Oberrauner

„Ich bin kein McDonald’s.“
Schließlich macht der Gusto für Djuric den Geschmack und letztlich auch den Genuss aus.
Alljährlich ist er mit der Ilja-Philosophie auch beim Sommerkino am Rathausplatz vertreten und bietet als besonderes Service ein Catering an: „Aber nicht für große Gesellschaften und nur für kleine Veranstaltungen von maximal 30-40 Personen. Alles was darüber ist, ist nicht meines und geht schon wieder in Richtung Masse. Das mag ich nicht. Ideal sind 10-20 Personen, wo alle etwas davon haben. Schließlich geht es auch um den Spaß. Ich habe bei mir im Restaurant lieber 3-4 Tische, die wirklich sehr zufrieden sind, als ein volles, halbherzig abgefertigtes Lokal. Ich bin kein McDonald’s.“ Es geht ihm nicht um Quantität, sondern um die Liebe zum Produkt, den Gast mit dieser Liebe gut zu stimmen. „Man soll den Fisch genießen. Man darf ihn nicht hinunterwürgen. Fisch ist vielleicht etwas, das wir nicht mehr lange in dieser Qualität haben werden“, sagt Djuric nicht ganz ohne Wehmut in Hinblick auf die verherenden in Geldgier wurzelnden Öl- und Atommüllkatastrophen, die den natürlichen Lebensraum der Fische massiv bedrohen.
„Schließlich wollen wir in den nächsten Jahren noch Schwimmengehen und uns beim Ilija Dobar Tek! (Anm.: Guten Appetit!) wünschen können.“ Mahlzeit!

Das Chamäleon ist ein Beizli

Im Dunstkreis der Domglocken, einen Steinwurf vom Mozarthaus Vienna entfernt, wo der joviale Kompositeur dereinst seinen Figaro schrieb, ist man dem schweizerischen Flair näher als man glaubt. Etwas abseits vom Kärntnerstraßentrubel findet man – etwas versteckt – das Chamäleon .
In der Blutgasse – der Grund für die Benennung des mittelalterlichen Kothgässel schimpft sich unbekannt – wird man bald von Schweizer Fähnchen und einem herzlichen „Grüezi!“ empfangen. Besonders einladend zu der Zeit, in der die Knospen aufspringen, ist es, draußen auf dem Pflaster zu sitzen und sich an den im Umkreis angebrachten Bartspiegeln zu amüsieren wie sich an der Gesellschaft kunstbeflissener Passanten zu erfreuen.

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Das Chamäleon in der Blutgasse 3, 1010 Wien.  | Foto: Klaus Oberrauner

Dem Motto: „Fondue isch guet u git e gueti luune“ wird man hier mehr als gerecht. Reicht doch die Palette vom Klassischen Käsefondue und zahlreichen Variationen – mit Äpfeln, Tomaten, Engadiner Kräutern, Champagner, Schrimps oder Pilzen – bis hin zum Schokoladenfondue.
Auch der Hobelkäse, Bündnerfleisch und Sbrinz dürfen neben der Schweizer Käsevariation nicht fehlen. Zum Dessert, einer hausgemachten Rueblitorte etwa, kann man Kaffee aus der Schweiz genießen wie den mit Obstler in wenig Kaffee und heißem Wasser aufgegossenen Cafe Lutz oder den Cafe Schümli Pflümli mit Zwetschkenbrand.

Inhaber Hans Schmid, aus der Hotellerie kommend, ist sehr zufrieden mit seinem „Beizli“, das er vor sieben Jahren mit dem exotischen Tiernamen übernommen hat: „Unsere Idee ist es, die Schweizer Küche und die Schweizer Käse in Wien vorzustellen. Chamäleon passt auch irgendwo zur Schweiz, weil wir ja da ganz gut sind uns anzupassen.“ Herr Schmid stammt aus dem Berner Oberland – „aus dem Gebirge“: „Frutigen heißt der Ort, Frutigland. Das ist in der Nähe von Interlaken, wird man kennen. Die Österreicher kennen oft auch die Lauberhorn-Abfahrt oder Adelboden, wo der Schiweltcup ab und zu zu Hause ist.“ Durch die Internationale Konzernhotellerie wurder er vor vierzehn Jahren aus Bukarest nach Wien geschickt. „Und dann bin ich, wie sie sagen, in Wien picken geblieben.“ Gemeinsam mit zwei Kollegen betreibt er das kleine, gemütliche und geschmackvoll eingerichtete „Beizli“: „Wir sind hier zu zweit, zu dritt – und alle machen alles. Putzen, waschen, servieren, kochen, dekorieren.“ Der sympathische Wirt schmunzelt: „Und die Gäste müssen selber kochen.“ So hat er gleich das Konzept im Mund: „Fondue ist sehr kommunikativ, weil alle etwas zu tun haben.“ Obwohl das Vegetarische hinsichtlich des fleischliebenden Österreichers eine kleine „Crux“ ist, wird das Angebot des Lokals sehr gerne angenommen. Schließlich „kann man vorher ein bisschen Bündnerfleisch nehmen.“
Neben dem Genuss, der „Stimmigkeit, dass alles passt“, ist Hans Schmid das Preisleistungsverhältnis und die Authentizität ein ganz besonderes Anliegen: „Ich bin eher für das Ursprüngliche, das Authentische. Die Kuh hat noch einen Namen und Hörner. Sie gibt die Milch auf der Weide auf der Alp. Dann ist der Käse da und das Außergewöhnliche dieses verderblichen Produkts.“ Im Chamäleon wird man also niemals teuer verhungern: „Ich möchte nicht, dass die Leute hinausgehen und sagen, wo ist der nächste Würstelstand? Man bekommt hier auch Nachschlag, wenn man möchte. Ein Supplement.“ Einen Teil des heimeligen Interieurs steuern KünstlerInnen bei, welche die Gelegenheit wahrnehmen, Bilder auszuhängen, die zum Verkauf stehen.

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Gemütlichkeit im Chamäleon umgeben von Kunst. | Foto: Klaus Oberrauner

Auch internationales Publikum lockt das „Beizli“: „Wir haben Touristen, lokale Ausländer von den Botschaften, auch Stammgäste aus Tasmanien. Der junge Schweizer Verein hat hier jeden ersten Donnerstag im Monat seinen Stammtisch. Weiters kommt gerne der Club der ehemaligen Schweizerkinder, um der Nostalgie zu frönen. Es sind die Österreichischen Kinder, die nach dem Krieg in die Schweiz verschickt wurden. Für die OSZE und die Botschaft machen wir gemeinsam mit dem Käselieferanten Andrzej Koch Caterings.“
Täglich von 11:00 – 24:00 Uhr, außer Sonntags, kann man hier gutes Essen schnabulieren, das es sonst nirgends gibt: „Authentisches, richtiges Schweizer Fondue bekommen Sie nur da. Und Schweizer Kaffee und andere Schweizer Schmankerln. Die Leute fühlen sich bei unsrem Service gut aufgehoben“, freut sich Hans Schmid, der augenzwinkernd einen wertvollen Tipp für Fondue-Hungrige parat hat: „Man soll schon sehr langsam essen und nichts überstürzen. Nicht schlingen, denn sonst ist’s bald genug. Man muss langsam und gemütlich machen, sich Zeit nehmen.“
Und die größte Freude des Wirten? „Man geht wieder hianus und hat gute Laune, die Welt ist wieder in Ordnung für einen Moment. Und selber ist man wieder aufgetankt für die neue Woche.“ Was bleibt ist ein von Herzen aufrichtiges, fröhliches: Uf widerluege! Im Chamäleon.

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Das Chamäleon im Chamäleon. | Foto: Klaus Oberrauner 

[Klaus Oberrauner, KulturToDate, April 2016 | Fotos: Klaus Oberrauner]

Filmnotiz: Die Söhne des Barons (1964)

Diese ausladende filmhistorische Geschichtsdrama aus Ungarn (Originaltitel: A kőszívű ember fiai) ist mir in einem sehr merkwürdigen Kleid untergekommen. Und zwar auf einer DVD mit dem etwas irreführenden Titel „Tempelritter-Edition 2“, auf der sich auch zwei andere Filme befinden (auf die möchte ich hier nicht näher eingehen), die genausowenig mit mittelalterlichem Tempelrittertum zu tun haben wie „Die Söhne des Barons“, der auf dieser DVD unverständlicher Weise unter „Das Banner der Tempelritter“ angeführt ist.
Dabei beruht „Die Söhne des Barons“ auf dem gleichnamigen Roman des großen ungarischen Märchenerzählers Jókai (Dr. Ásvay Jókai Maurice [1825-1904]) aus dem Jahre 1869. (Der Vorspann des Films beginnt auch mit der Einblendung einer Porträtzeichnung des Autors)
In 158 Minuten entfaltet sich die Geschichte des Ungarn-Aufstandes von 1848 gegen die Habsburger. Mittendrin die drei Brüder, die Söhne eines verstorbenen konservativen wie kaisertreuen Gutsherren und Leutnant. Einer ist Diplomat in St. Petersburg. Die beiden anderen befinden sich als Schreiber bzw. als Rittmeister im polizeistaatlichen Vormärzwien eines Fürsten Metternich.
Die historische Fülle des Films von Regisseur Zoltán Várkonyi (1912-1979) ist ebenso beeindruckend wie die Liebe zum Detail, ein authentisches Abbild der Zeit zu zeichnen. Das reicht von der Rekonstruktion höfischer Tanzpraxis, über die Kleidermode der Zeit oder die Einbindung ereignisbegleitender Musik bis hin zur altwienerischen Spielkarte.
Nachdem der osteuropäische Film wie in einem Überraschungsei auf mich kam war ich doppelt überrascht und berührt. Marke: empfehlenswert. Und: Wer historische Filme/Literaturverfilmungen mag wird sich über das erst 2009 auf Deutsch synchronisierte Kleinodstück Filmgeschichte bestimmt freuen.

 

 

Das Schweigen brechen

Am 22.11. 2013 wurde erstmals der „Roma-Literaturpreis des Österreichischen PEN“ vergeben. Ausgezeichnet wurde der einfühlsame Schriftsteller Stefan Horvath, der in der alten Roma-Siedlung in Oberwart seine Wurzeln hat und dessen Schreiben eng mit dem persönlichen Schicksal verwoben ist. Ein Einblick.

Am 5. Februar 1995 machte es einen Knall. Einen Knall, der vier Menschenleben auslöschte. Auf einen Schlag. Nicht alle waren erschüttert in Oberwart. Nicht alle hatten dabei ihr eigen Fleisch und Blut zu betrauern.
„Ich bin der ewige Zigeuner, der in der Roma-Siedlung geboren und aufgewachsen ist. Der alle Jahrzehnte des Schweigens genauso stumm ertragen hat wie die anderen. Der die zerfetzten Leiber der vier Opfer gesehen hat. Der das Grauen am Tatort miterlebt hat. Der seinem toten Sohn in die gebrochenen Augen geblickt hat und seitdem die Stimmen seiner Vorfahren aus dem Jenseits hört.“
Das lässt Horvath den Protagonisten in seinem Bühnenstück Begegnung zwischen einem Engel und einem Zigeuner (2005) sagen. Durch ihn spricht er selbst, der nach dem gewaltsamen Tod seines Sohnes unter schweren seelischen Problemen und Schlafstörungen litt. Was da explodierte, eine Sprengfalle. Eine Rohrbombe des österreichischen Terroristen Franz Fuchs mit dem Schild „Roma zurück nach Indien!“ Dieses Ereignis brachte Horvath zum Schreiben. Das alles zu verarbeiten, auch das schwierige Minderheitendasein. So etwa in der Erzählung „Katzenstreu“ (2007), in welchem er das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln schildert. Aus der des Täters, der des Beobachters, der des Opfers. „Ich war sehr schweigsam, bis mich das junge Romamädchen fragte, warum ich nicht reden wollte. Ich erzählte ihr von ‚Katzenstreu‘ und dass ich nicht wüsste, warum mir gerade dieser Titel eingefallen sei. Das Romamädchen antwortete, dass der Sockel der Bombe von 1995 aus einem Katzenklo gefertigt worden war.“ Daraufhin entstand in Zusammenarbeit mit dem burgenländischen Musikern und Komponisten Willi Spuller die Hörspiel-CD „Katzenstreu“, bei der u.a. Karl Markovics als Sprecher mitwirkte. 2013 erschien nun sein drittes Buch „Atsinganos“, in dem er sich den Oberwarter Roma und ihren Siedlungen widmet. In seinem Einakter beschreibt er die Roma-Siedlung, in der er am 12. November 1949 das Licht der Welt erblickte, als großes Raumschiff, das aus seiner ursprünglichen Umlaufbahn geraten, angehalten worden und, seit Kriegsende, mit stummen Insassen besetzt ist. Er möchte darüber reden. Über die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft.
Die Schallmauer des jahrzehntelangen Schweigens, des Abgesondertseins zu durchbrechen. Er sieht sich den neugierigen Fragen eines Engels gegenüber, der seines irdisches Dasein als junges Mädchen in einem Konzentrationslager aushauchte.
Die Roma-Siedlung in Oberwart wurde von der Gemeinde für den Bau des städtischen Krankenhauses, in welchem Horvath bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2011 arbeitete, aufgelöst.
Nach dem Besuch der Volksschule durfte er als erster Roma die dortige Hauptschule besuchen. Nach der Schulpflicht verdingte er sich als Hilfsarbeiter für diverse Baufirmen in Wien und Umgebung, wurde Vorarbeiter, kam bis in den Betriebsrat und war Polier.
Für die besondere, einfühlsame Auseinandersetzung mit seiner Umgebung wurde nun Stefan Horvath mit dem „Roma Literaturpreis des Österreichischen PEN“ ausgezeichnet.
Der Preis wurde zum Gedenken an sein verstorbenes Mitglied, die österreichische Roma-Künstlerin Ceija Stojka (1933-2013), ihres Zeichens Schriftstellerin, Malerin, Sängerin, Tänzerin, KZ-Überlebende, Zeitzeugin und Menschenrechtsaktivistin, ins Leben gerufen.
Mit diesem Preis soll das in der Roma-Kultur traditionell verankerte künstlerische Schaffen, das literarische Schaffen von herausragenden Roma-Persönlichkeiten gewürdigt werden. Gleichzeitig damit gleichzeitig das in Europa weitgehend diskriminierte und im Holocaust fast ausgerottete Volk der Roma und Sinti hingewiesen werden. Eine wichtige Zeichensetzung und Einmahnung hinsichtlich der Menschenrechte.
Der Engel schaut ihn an und fragt ihn, wer er denn sei? „Ich bin der Zigeuner, der seine Stadt liebt, genauso wie seine Vorfahren diese Stadt geliebt haben. Der das Gespräch sucht, keinen Hass gegen sie empfindet. Der die Schallmauer dieses jahrzehntelangen Schweigens endlich durchbrechen will.“

 

Stefan Horvaths Bücher:

Ich war nicht in Auschwitz. Erzählungen.
Edition lex liszt 12 (2003)
ISBN: 978-3901757358

Katzenstreu. Erzählung.
Edition lex liszt 12 (2007)
ISBN: 978-3901757518

Atsinganos. Die Oberwarter Roma und ihre Siedlungen.
Edition lex liszt 12 (2013)
ISBN: 978-3-990160046