Kategorie: Umsichten

„Wer Kunst aushungert, erstickt kritische Stimmen“

Martin Mittersteiner ist Mitbegründer des Vereins „Special Symbiosis“, liebt in Wien die „Genusskultur“ und ärgert sich über Einsparungen im Bereich von Kunst und Kultur. Ein Portrait.

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„Genormte Einheitskörper und Einheitsseelen wären das Ideal für Herrscher und Arbeitgeber“

Prim. Dr. Klaus Mihacek, ärztlicher Leiter am Psychosozialen Zentrum ESRA, ist Spezialist für Psychiatrie und Neurologie. Im Interview erzählt er über das Trauma, das auch der Holocaust hinterlassen hat, das Trauma in der Gesellschaft und die Besonderheiten von ESRA.

Was bedeutet Ihnen die Zusammenarbeit mit ESRA? Was ist das Besondere an dieser Institution?
Prim.Dr. Klaus Mihacek: „ESRA ist eine europaweit einzigartige psychosoziale Institution mit einem interdisziplinär strukturierten Angebot, das auf die ambulante Beratung, Behandlung und Therapie von Psychotraumata spezialisiert ist. Vorrangige Zielgruppen dieser Arbeit sind Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung und deren Nachkommen sowie Betroffene, deren Traumatisierungen andere Ursachen haben, etwa Gewalt, Verfolgung und/oder Flucht. Die Arbeit in ESRA bedeutet thematisch wie inhaltlich eine Herausforderung, manchmal belastend aber dabei immer vielfältig und sinnstiftend.“

Was ist ein „Trauma“? Wie äußert sich die Symptomatik?
Prim.Dr. Klaus Mihacek: „Trauma ist ein vernetzter Prozess, nicht das Ereignis, sondern die Wechselwirkung von Nervensystem auf psychologische, biologische und soziale Faktoren bildet ein bestimmtes Störungsbild aus. Traumatische Störungen zeigen sich daher in vielerlei Symptomatik. Menschen, die Situationen erlebt haben, in denen sie in für sie unabsehbarer Weise bedroht, gedemütigt, gefährdet, geächtet, isoliert, körperlich und/oder seelisch misshandelt, zwangsinterniert, ihrer vertrauten Umwelt entrissen wurden, leiden oft noch Jahre später als Folge dieser Extremsituation. Solche Extremsituationen führen bei jedem Betroffenen, sei es als Opfer oder als Zeuge, zu tiefer Verzweiflung. Typische Merkmale sind das wiederholte Erleben des Traumas auch lange nach dem Ereignis, emotionale Stumpfheit, Teilnahmslosigkeit, Angst und Panikattacken. Auch eine andauernde Persönlichkeitsänderung kann der Erfahrung von extremer Belastung folgen. Es kommt zu einer Chronifizierung der Belastungssymptome. Solche irreversiblen Persönlichkeitsänderungen werden bei Menschen beobachtet, die Extremsituationen im Ausmaß von Katastrophen, Geiselhaft, Folter und Aufenthalt in Konzentrationslagern mitgemacht haben. Kennzeichnend sind weiters sozialer Rückzug dann, wenn die Traumatisierung durch andere Menschen verursacht wurde (man-made-disaster). Das führt zum Verlust des Vertrauens in die Mitmenschen schlechthin.“

Wie tief sitzt noch das Trauma der NS-Verfolgung? Wie äußert sich die Symptomatik bei Verfolgungs- oder Misshandlungs-Trauma?
Prim. Dr. Klaus Mihacek: „Das Holocaustsyndrom entspricht in seinen charakteristischen Merkmalen denen des posttraumatischen Belastungssyndroms nach einem man-made-disaster. Darüber hinaus ist aber die historische Bedeutsamkeit des Traumas zu beachten. Der Holocaust hat über mehrere Generationen hinweg noch immer seine verwüstende und zerstörende Wirkung. Kein anderes traumatisierendes Ereignis ist für eine derartig große Anzahl von Menschen kollektiv wirksam. Mehr als bei jedem anderen Trauma wirkt das Entsetzliche über die Generationsgrenzen hinaus. Dadurch, dass das Trauma auch kollektiv erlebt wurde, ist das Vertrauen in die Möglichkeit einer einfühlsamen Mitwelt noch mehr zerstört. Der Unterschied zu individuell erfahrener Misshandlung besteht darin, dass kollektiv Betroffene eine gesellschaftliche Tatsache in einem Gemeinwesen darstellen. Die politische und moralische Kompetenz eines Staates zeigt sich darin, wie er mit den opfern staatlicher Willkür und Gewalt umgeht.“

Warum werden psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft häufig ignoriert, tabuisiert, verharmlost oder überhaupt nicht wahrgenommen?
Prim. Dr. Klaus Mihacek: „Was als krank bezeichnet wird, steht immer im Kontext einer durch Zeit und Umstände geprägten Gesellschaft. Die Bedeutung von Benennungen konstruiert eine folgenreiche Realität, sowohl für das Einzelindividuum als auch sein soziales Umfeld. Begriffe sind nicht bloß eine Beschreibung einer angenommenen Realität außerhalb, sondern ein eigenes realitätsstiftendes System. Begriffe wie „abnorm“ oder „psychisch krank“ deuten nicht nur Realität sondern konstruieren auch eine. Genormte Einheitskörper und Einheitsseelen wären das Ideal für Herrscher und für Arbeitgeber. Individualität und Abweichung macht schwerer einordenbar, schwer beherrschbar. Daher ist in vielen Kulturen immer schon der Abweichler ausgesondert worden. Die menschliche Angst vor dem Fremden wird dann dazu instrumentalisiert, um alle, die anders sind, wegzusperren, zu marginalisieren, bis hin zur Verfolgung und zur Vernichtung.
Der ideale „Normmensch“ unseres neoliberalen kapitalistischen Gesellschaftssystems ist gesund und leistungsstark. Besonders brutal wurde das im Nationalsozialismus verordnet: es wurden diejenigen umgebracht, die nicht leistungsstark dem Volke dienten.
Krankheit ist auch heute noch mit Schande besetzt, im Sinne von Werteverlust. Wer sich nicht leistungsstark, fröhlich, voller Vitalität fühlt, ist nicht „normal“, also „krank“.“

Was hat Sie dazu bewegt, sich mit dieser Materie beruflich auseinanderzusetzen?
Prim. Dr. Klaus Mihacek: „Schon früh in meinem Medizinstudium war es für mich klar, dass ich die Fachausbildung für Psychiatrie machen möchte, obwohl das Fach Psychiatrie in den 1980er Jahren noch nicht die Anerkennung in der Medizin und Gesellschaft hatte wie heute. Ich habe mich auch schon während des Studiums bei NGO-Organisationen engagiert und tue dies bis heute.“

Landläufig heißt es: Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Unter einem gesunden Körper kann man sich etwas vorstellen. Was aber macht einen „gesunden“ Geist aus? Wie kann man einen solchen pflegen?
Prim. Dr. Klaus Mihacek: „Geistige Gesundheit wird anhand mehrerer Merkmale beschrieben. Liebesfähigkeit, sowohl im Geben wie im Empfangen; Selbstachtung und Selbstvertrauen; Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit; die Fähigkeit von persönlicher Sinnstiftung; das Gefühl von Freiheit in Gedanken, Worten, Bewegung und Kreativität; das Gefühl von Verbundenheit in einer Gemeinschaft. In gewissem Maße kann sich eine Einzelperson individuell um diese Faktoren bemühen, es gibt jedoch eine Verantwortung der Gesellschaft (sprich Politik), Rahmenbedingungen zu schaffen, dass dies den Einzelnen möglich ist.“

Was würden Sie sich für die Zukunft der ESRA und die Zukunft der Gesellschaft wünschen?
Prim. Dr. Klaus Mihacek: „Wir möchten die Erfahrungen und die Kompetenz, die wir seit dem Bestehen von ESRA, mit der Gruppe von Menschen die der NS-Verfolgung ausgesetzt waren, erworben haben, weitergeben und zugänglich machen für Menschen, die auf Grund von anderen Ursachen traumatisiert wurden. Wir möchten einen Platz für traumatisierte Menschen bieten, wo sie ohne große Hürden und lange Wartezeiten professionelle Hilfe erhalten.“

 

Nekrolog auf das Grün

Von Feindkontakt ist die Rede, von rollenden Panzern,

vom Zertrümmern,
von Vergewaltigen,                                                                               von gebrochenen Herzen
und unendlich vielen Tränen.
Geläufig ist das Krisenregionenvokabular.
Die Verzagtheit reizt.
Es frisst sich leicht, das Leise.
Die Stellungen werden bezogen.
Immer wieder neu.
Allein, dem Warum hinken sie immer wieder hinterdrein.           Der Himmel macht die Augen zu.
Die Stimme ist noch da.
Immer lauter wird sie.
Ein Rufen,
ein Bellen,
ein Schreien.
Ein Tritt,
ein Schuss,
Knock-Out.
Es bleibt das Leise.
Es nimmt die Chips weg und schaltet den Fernseher aus.           Kein Grün mehr.

Stadtohreule mit Waldohren

Ich denke viel an das Verrückte.

Ich stoße mich am Aber und stoße mich am Wenn.
Die Akte auf der Bühne des großen Welttheaters bereiten mir trotz plumpem Gestaltens immer mehr Unbehagen.
Die Hoffnung bleibt, dass das Leise siegt.
Ich bin eine Stadtohreule mit Waldohren.
Ich kann mich an die Geräusche nicht gewöhnen.
Es hämmert, bohrt, rumort.
Und schon wieder ist etwas kaputt.
Auf Schritt und Tritt.
Mein Baum wackelt.
Ich bekomme es mit der Angst zu tun.
Ich habe vergessen, wie man fliegt.

Ich glaube, ich habe Gift bekommen, das für die Tauben war. Keine gute Rolle habe ich.
Stets zu schauen, zu warten, der Dinge zu harren.
Und den Schnabel zu halten.

Eigentlich bin ich ja eine Waldohreule mit Stadtohren. Ich höre nichts Gutes.
Im Fasching bin ich eine Taube und höre nichts weiter. Ich darf nicht schlucken.

Raus muss es, sonst bleibt nichts mehr übrig von mir. Dick war mein Baum nie.
Das Aber schwingt das Beil, das Wenn hält die Leiter. Mir wird schwindlig und ich falle in die Luft.

Ich suche einen neuen Baum.
Ich träume von etwas Schönem.
Das merkt keiner.
Auch nicht, dass meine Flügel wieder tauglich sind.
Ich träume, dass es mir gut geht und dass meine Anwesenheit Freude macht. Ich träume, dass ich naiv bin und mit allem gut Freund.
Ich wache auf.
Ich bin eine Stadtohreule mit Waldohren.
Ich lausche.
Das Leise liebkost.
Glücklich bin ich.
Ich mache Augen.
Eigentlich bin ich ja eine Waldohreule mit Stadtohren.
Ich höre Gutes.
Im Fasching bin ich eine Taube und höre nichts Schlechtes mehr.
Ohne Wenn und Aber.

„Andere tragen zu können, trägt mich“

Der Psychotherapeut Dr. Arnold Mettnitzer im Gespräch.

„Andere tragen zu können, trägt mich, anderen helfen zu können, hilft mir! Freilich ist das leichter gesagt als getan, denn es gibt im Leben immer wieder Momente, in denen ich mich selbst leichter ertrage als andere, hie und da aber ist es dann auch umgekehrt, da ertrage ich andere weit leichter als mich selbst…“ 

Über seine Arbeit. 

„In helfenden Berufen ist die Erfahrung mit den eigenen Kernkompetenzen einem dynamischen Wechselspiel unterworfen. Einmal ist man ein Stümper, dann wieder ganz unerwartet ein Weltmeister, die meiste Zeit allerdings ist man irgendetwas dazwischen, darum lasse ich meine Kernkompetenzen lieber von den Menschen beurteilen, die mir täglich ihr Vertrauen schenken. Mit etwas Glück liegt sie im Bemühen, einen Menschen zu ermutigen und ihm dabei zu helfen, seine verloren gegangenen Kräfte wiederzufinden und erneut an seine Fähigkeiten zu glauben. 
Es ist ein wunderbar beglückendes Gefühl, in den Augen eines Menschen ablesen zu können, dass er wieder Boden unter seinen Füßen spürt und es mit ihm aufwärts geht.“

Über Burnout. 

„Die WHO hat den westlichen Industriestaaten für die nächsten Jahre den dramatischen Anstieg von Angststörungen und depressiven Erkrankungen vorhergesagt. Insofern sind psychische Belastungen und „Burnout“ weit mehr als Modeerkrankungen, sie sind ein alarmierendes Indiz dafür, dass etwas im menschlichen Miteinander durch zu große Einseitigkeit aus dem Gleichgewicht geraten ist. Eine dieser zu großen Einseitigkeiten hat wohl mit dem Umstand zu tun, dass wir im Zeitalter der Beschleunigung mit Maschinen arbeiten, die uns ursprünglich unsere Arbeit erleichtern sollten. Aber anstatt sich entlastet zurückzulehnen, lehnen sich viele Menschen vor, um mit der ihnen diktierten Geschwindigkeit Schritt halten zu können. In dieser Beschleunigungshysterie spielt irgendeinmal der Körper nicht mehr mit und zieht die Notbremse, als wollte er damit sagen: „Mach ruhig so weiter, aber ohne mich!“ Von alledem wird tatsächlich viel in den Medien berichtet. Und das ist auch gut so. Weit weniger allerdings höre ich dort von einer ähnlich bedrohlichen seelischen Belastung, dem „Boreout“, dem „Ausgebranntsein aus Langeweile“, wenn Menschen zu lange Dinge tun (müssen), die sie im Grunde nicht interessieren und die sie nur verrichten, um das tägliche Überleben zu sichern. Je weniger einem Menschen bei dem, was er tut, unter die Haut geht, je weniger Begeisterung er in seinem Alltag findet, desto gefährdeter wird sein seelisches Wohlbefinden und sein inneres Gleichgewicht sein.“

Über Wirtschaftlichen Wettbewerb und Weiterentwicklung. 

„Wettbewerb, der ja in sich betrachtet auch gesund sein könnte, wird in vielen Sparten des täglichen Lebens nicht als „Weiterentwicklung“, sondern nur als „Spezialisierung“ praktiziert. Diese Spezialisierung wird immer weiter getrieben zu etwas, das immer spezieller wird… Um in dieser „Spezialisierungsspirale“ erfolgreich zu sein, braucht man, wie uns Gehirnforscher versichern, nicht viel Hirn, weil immer nur wiederholt wird, was bis jetzt schon gut funktioniert hat. So werden Fachleute, die wissen, wie Erfolg funktioniert, zu Spezialisten und schlussendlich zu „Fachidioten“, die möglichst kurzfristig und erfolgsorientiert denken und sich dabei nur mehr darauf konzentrieren, im Wettbewerb auf Kosten anderer Siege einzufahren. Dass eine solche Grundhaltung nicht gesund sein kann und krank machen muss, liegt auf der Hand. 
Im Grunde bin ich ein optimistischer Mensch. Aber im Blick auf die großen nachhaltigen Krisen und auf Menschen, die dadurch in schwere Not geraten, sehe ich im Moment weltweit noch keine überzeugenden Lösungsansätze. 
Eher werden diese Krisen kleingeredet, als wären sie schnell vorüberziehende Schlechtwetterfronten, nach denen bald wieder die Sonne scheint. Wirtschaftliche „Rettungsaktionen“ hinterlassen so den beklemmenden Eindruck, das ganze Ausmaß der Katastrophe nicht sehen und den längst vorhandenen Flächenbrand durch das Ausschalten der Brandmelder löschen zu wollen.
Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte in der Erkenntnis liegen, dass das Leben gerade dort gelingt, wo es nicht ausschließlichen nach persönlichem Vorteil schielt, sondern die beglückende Erfahrung macht, die Marie von Ebner Eschenbach in dem schönen Satz zusammenfasst: Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, geben uns den Halt im Leben.“

Was kann man für die eigene psychische Gesundheit tun? 

„Von Natur aus sind Menschen Beziehungswesen, „süchtig“ nach Begegnung, hungrig danach, von einem anderen Menschen wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Ein bewährtes Mittel, seelisch fit und gesund zu bleiben besteht daher darin, möglichst oft mit anderen Menschen zu reden, sich dabei über die brennenden Fragen des Lebens auszutauschen und sie nicht einfach mit ja oder nein zu beantworten. Die besten Antworten auf solche Fragen sind nicht Dogmen und Glaubenssätze, sondern vielmehr präziser gestellte Fragen. So kommen Menschen miteinander ins Gespräch und bleiben aneinander interessiert. So betrachtet hat seelische Gesundheit immer auch damit zu tun, dass in meinem Leben möglichst oft etwas passiert, das mich innerlich anrührt und begeistert, mir unter die Haut geht und mir das Gefühl gibt, dazuzugehören und diese Welt mit meinen Fähigkeiten mitgestalten zu können.“

Fazit.

„Je mehr einen Menschen kränkt, desto größer die Gefahr, dass er davon nicht nur seelisch, sondern auch körperlich krank wird.“