Kategorie: Film

Filmnotiz: Birdman (2014)

Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit steht auf meiner Einladung zur Filmpremiere. Verwirrend. Neugierweckend. Ein eher schlichtes Plakat mit einer Gestalt in schwarzer Vogelmaske auf rotem Hintergrund lässt an westernbekannte Bilder von edlen Indianerkriegern oder praktizierende Medizinmännern erinnern. Tatsächlich meint es einen Helden. Auch einen aus vergangenen Tagen. Einen von dem man glaubt, dass er unsterblich ist, alles Übel besiegen kann – und vor allem eines: fliegen. 

Wir schauen einem Mann in Unterhosen auf den Rücken, der im Schneideritz über dem Boden schwebt. Zugegeben, zunächst befremdlich. Aber mit diesem Anfang schauen wir bereits das Alter Ego eines Menschen, das ihn in seinen Klauen hält wie ein Aasgeier seine Beute. Riggan Thomson (Michael Keaton) war in seiner Rolle als Birdman einer der beliebtesten Superhelden der Kinoleinwand. In seinem fortgeschrittenen Alter scheint es wie eine Midlife Crisis, dass er sich von dieser Figur emanzipieren, sich lossagen und neu erfinden möchte. Sich und dem Publikum beweisen, dass er mehr kann als ein omnipotenter Bösewichtbekämpfer.  Diesmal allerdings auf dem gnadenlosen Broadway-Theaterboden. Eine bemerkenswerte Kameraführung, die bis kurz vor Ende des Streifens ohne einen einzigen Schnitt auskommt und eine Art Echtzeitvoyeurismus erzeugt, hervorragende Darsteller und ein spartanisch akustischer Rahmen in erdigen Rhythmen eines Schlagzeugs ziehen hinein in dieser Welt auf der Suche nach dem Ich und nach dem Erfolg.

Ich war erstaunt darüber, diesen Film als „Komödie“ tituliert zu sehen, der sehr große Ähnlichkeiten mit der grauschattierten, teils skurrilen Darstellung brüchiger Menschenschicksale des Österreichischen Films hat. Er geht auch in diese Bruchstücke menschlichen Scheiterns hinein, überhöht sie und zeigt sie auf unterschiedlichen Ebenen – so mit der trügerischen Wahrnehmung im Verschwimmen von Phantasie und Realität. Mit dabei: das Brechen der Macht nonchalanter, unerbittlicher Theaterkritik. Schön, dass auch solche Mischungen Oscars gewinnen und zum Nachdenken anregen.

 

 

 

 

 

 

Werbeanzeigen

Filmnotiz: „La Grande Bellezza“ oder der schönste Schein (2013)

Man fragt sich erst: Wo ist man da hineingeraten? Später erkennt man, dass es das Leben selbst ist – in seinem menschlich konstruierten, skurrilen Panoptikum. Wie schwer verdaulich doch die vom Schein gekochte Oberflächlichkeit ist, die eine Schönheit sein will. Für diese Fassade eignet sich nichts trefflicher zur Kulisse als die ewige Stadt, von der man zuerst auch nur das alte Gesicht sieht. Das mehrfach ausgezeichnete Schauspiel gibt sich als metaphorisches Bilderbuch, das augenzwinkernd wie schonungslos – den Tiber entlangpfeifend, das Kolosseum vor dem Fenster – voranschreitet, einen Spiegel im Nacken, der tief in das hineinleuchtet, was heutzutage die Gesellschaft nicht wahrhaben könnte – so sehr wie sie auf ihr schönes Funktionieren bedacht ist. Ein Sehenswertes Filmerlebnis, das seine tiefe Philosophie zwischen Handlung, Sinn und technischer Umsetzung überträgt. Aufgeladen und nachdenklich zugleich – so hat mich seine Botschaft voll getroffen. Und ich suche weiter. Nach der großen Schönheit meines Lebens.

[Klaus Oberrauner, KulturToDate, Mai 2016]

 

„Das Bild der ausgeaperten Vergangenheit“

Vor 100 Jahren brach der erste Weltkrieg aus. Dazu fand die Welturaufführung
von „Der Stille Berg“ im Kino statt. Der starbesetzte Blick des Tiroler Regisseurs Ernst Gossner auf das Drama, das sich im unerbittlichen Kampf des Gebirgskrieges in den Alpen abspielte.

Tirol, im Jahr 1915: Auf der Hochzeit seiner älteren Schwester Elisabeth lernt der Tiroler Hotelierssohn Andreas Gruber die italienische Klosterschülerin Francesca Calzolari kennen. Er verliebt sich in sie. Kurz darauf erklärt Italien der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn den Krieg. Während Andreas auf österreichischer Seite in den Krieg ziehen muss, wird sein Schwager Angelo Soldat der italienischen Streitkräfte.
Francesca verbleibt als Krankenschwester zurück. In den Dolomiten entbrennt daraufhin die Schlacht. Eine harte Probe für die Liebe und die Menschlichkeit.

Die Ereignisse rund um den amerikanischen 11. September waren es, die den Tiroler Regisseur und Produzenten Ernst Gossner auf das Thema Krieg brachten:
„Ich war damals in Los Angeles und musste mitansehen, wie schnell nach den Anschlägen aufs World Trade Center ein Krieg ins Bewusstsein der Menschen reingehämmert wurde. Und wie schnell dann Afghanistan und der Irak attackiert wurden. 2004 aperten dann Leichname von Soldaten aus dem Gebirgskrieg aus dem Eis. Dieses Bild der ausgeaperten Vergangenheit hat mich nicht mehr losgelassen und die Idee zu Der Stille Berg war da.“

Die Kriegserklärung der Italiener an die k.u.k-Monarchie, hinter der auch König Vittorio Emanuele III. stand – wenngleich es seit 1882 mit dem so genannten Dreibund ein geheimes Defensivbündnis zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem Italienischen Königreich gab, war Startschuss für eine lange und unerbittliche Gebirgsschlacht. Die Italienfront verlief vom Stilfser Joch an der Schweizer Grenze über Tirol entlang der Dolomiten, der Karnischen Alpen und des Isonzos bis zur Küste der Adria. Damit befand sich Österreich-Ungarn ab sofort in einem Dreifrontenkrieg.
Die Österreicher konnten Teile der Italienfront zu Beginn der Kampfhandlungen nur ungenügend absichern, es kamen vielfach lediglich örtliche Milizen, Landwehr und Landsturm zum Einsatz, darunter 30.000 Standschützen. Auf italienischer Seite kämpften die Alpini, die, 1872 gegründete älteste aktive Gebirgsjägertruppe der Welt. Darunter befanden sich Bataillone mit Sonderaufgaben, beispielsweise Ski-Bataillone. Die Alpini operierten im Gelände und den hochalpinen Schwierigkeiten entsprechend meist in Form kleiner Angriffstruppen. Die Kampfhandlungen begannen am Isonzo unmittelbar nach der Kriegserklärung. Trotz großer Überlegenheit und Gebietsgewinnen gelang den Italienern weder in dieser Schlacht noch in der unmittelbar darauf folgenden Zweiten Isonzoschlacht ein entscheidender Durchbruch. Dies gilt auch für die Erste Dolomitenoffensive, dem eigentlichen Beginn des Alpenkriegs, der ein weiteres Novum in der Militärgeschichte bedeutete: Nie zuvor hatte es langandauernde Kampfhandlungen im Hochgebirge gegeben, die bis auf eine Höhe von 3900 Metern mit der Ortlerstellung führten.

Es war ein Kampf in und mit der Natur, wenn die beiden Gewalten Krieg und Berg aufeinandertreffen:
„Die Natur war ein wichtiger Teilnehmer des Gebirgskrieges“, so Gossner.
„Immerhin war sie es, die mehr Leuten das Leben gekostet hat als direkte Feindeinwirkung. Und wenn man in den Dolomiten dreht und das auch noch in Originalstellungen von damals, dann wird einem dieser Wahnsinn nochmals bewusster. Ein Dreckskrieg in einer monumentalen Landschaft. Und dann ist da noch der Berg, der keine Moral hat. Und wenn er eine hätte, dann wäre es dem Berg egal, ob wir uns auf ihm oben den Kopf eindreschen. Der war vorher still und er war es danach auch wieder.“

Entsprechend herausfordernd und dramatisch gestalteten sich die Dreharbeiten in Tirol und Südtirol:
„Die Dreharbeiten waren heftig. Dann sind wir in die Dolomiten. Einfach eines der schönsten Bergmassive der Welt. Wir drehten in den Originalschauplätzen des Gebirgskrieges und wurden in den Bergen vom Blitz getroffen. Der Blitz hat ca. 100 Meter vor uns eingeschlagen und hat sich über uns abgeladen. Neun Verletzte, drei auf der Intensivstation. Und der Blitz fuhr auch durch die Kamera ins Auge unserer Kamerafrau und versengte ihr den Sehnerv. Das gibt’s auch… Es war schlimm. Das Team hat aber Unglaubliches geleistet und wir machten weiter. Da kam der nächste Blitz. Der uns nicht getroffen hat, aber wir mussten wieder unterbrechen. Dann nahm eine Mure ein ganzes Schlachtfeldset mit und zerstörte es. Jedenfalls hab ich den Blitz dann wieder in den Film zurückgeschrieben Kurz vorher hatten wir den Blitz wegen Budgetproblemen aus dem Drehbuch gestrichen.“
Warum eine Aufarbeitung des traumatisch erlebten Ersten Weltkriegs für Österreich so schwierig ist, ortet Gossner darin, dass kurz darauf der nächste Weltkrieg dazwischen kam: „Manchmal kommt’s mir vor, als ob da einfach soviel verschütt gegangen ist, dass es wieder drei oder vier Generationen gebraucht hat, um sich dem einigermaßen stellen zu können. Wenn überhaupt.“ Dennoch sollte man es nicht vergessen:
„Sich mit Geschichte auseinanderzusetzen ist fundamental. Ich hab grad einen Online-Kurs über die Geschichte der Menschheit absolviert und der Professor meinte abschließend, dass man Geschichte nicht studiert um aus der Vergangenheit zu lernen, sondern sich von ihr zu befreien. Wir spüren den Griff der Vergangenheit im Nacken, sobald wir geboren werden und wir merken’s nicht einmal. Das Studieren von Geschichte zielt darauf ab, diesen Griff zu lockern und unseren Kopf freier bewegen zu können und in neuen Wegen zu denken.“

Die Geschichte wird mit namhafter und internationaler Besetzung inszeniert. Darunter Claudia Cardinale, Fritz Karl oder William Moseley (als Anderl Gruber). Der junge britische Schauspieler, der sich als Peter Pevensie in den Chroniken von Narnia, in viele Fanherzen spielte, wurde erst nach lokalem Casting entdeckt:
„Wir haben zuerst in Tirol nach dem passenden Anderl gesucht. Wir haben extrem begabte junge Schauspieler gefunden, aber es war niemand dabei, der uns 100% überzeugt hat. Als ich merkte, dass es sich vom authentischen Tiroler weg entwickelt, war’s mir dann schon egal, ob er aus Deutschland oder aus England kommt. Die Castingagentin meines ersten Spielfilms hat uns dann auf William Moseley aufmerksam gemacht. Ich fand ihn von Beginn an die perfekte Besetzung für Anderl.“
Claudia Cardinale allerdings war Gossners Wunschkandidatin für die Rolle der Nuria Calzolari, Mutter von Anderls Geliebter Francesca Calzolari, dargestellt von der jungen italienischen Schauspielerin Eugenia Costantini: „Wir haben ihr das Drehbuch geschickt und sie hat gleich zugesagt.“

„Wir wollten von Beginn an einen Film machen über Krieg und was er mit den Menschen macht“, bringt Gossner die Botschaft des Stillen Bergs auf den Punkt. „Jede Pore des Filmes erzählt vom Krieg. Vom Witz bis zum Tod. Als großes Theater und als bittere Erkenntnis. Keine der Figuren in Der Stille Berg bleibt vom Krieg verschont. Alle ändert er, der Krieg.“ Vor dem Hintergrund einer europäischen Gemeinschaft, die in Nationalitäten zerrissen wird und von einem schicksalshaften Patriotismus lebt, meint der Regisseur, dass noch etwas anderes bezüglich der Vergangenheitsbewältigung gelungen ist: „Was uns denke ich auch gelungen ist, zu zeigen, wie es unsere Urgroßeltern erwischt hat. Ich glaube, dass man nach dem Film besser weiß, wie es denen damals ergangen ist. Man darf ja auch nicht vergessen, dass es in Tirol Südtirol und Trentino keine einzige Familie gibt, die nicht mit diesem Konflikt in Verbindung steht, wenn sie damals schon ihre wurzeln dort gehabt hat. Wir merken das auch an den Leuten, die an uns herantreten und von ihren Großeltern oder Urgroßeltern zu erzählen beginnen.“
Überhaupt sind die Berge für Gossner „jedesmal beeindruckend. Aber manchmal eben auch zu beeindruckend. Toll waren die Besuche etwa auf der Madatsch-Stellung im Ortlergebiet für unseren Dokumentarfilm Global Warning.“ Auch mit persönlichem Schicksal sind sie verbunden so mit einem „Lawinenabgang im Kühtai, bei dem ein guter Freund von mir verschüttet wurde und ich ihn ausbuddeln musste oder besser durfte. Dann, letztes Mal, als ich mich verging und plötzlich mitten in einer Wand hänge und eh kein guter Kletterer bin. Immer spannend und beeindruckend. Aber auf jeden Fall muss ich noch mehr in den Dolomiten marschieren. Soviel ist sicher.“
Bereits in seiner Dokumentation „Global Warning“ (2011) hat sich Gossner mit dem Tiroler Gebirgskrieg beschäftigt und sich die Frage gestellt, „warum die Welt noch immer brennt?“

„Der Stille Berg“ ist ein „spannender“, „abenteuerlicher“, „liebevoller“ Film vor einer „gewaltigen Bergkulisse“, die heute noch immer auf dieses dramatische, geschichtsträchtige Ereignis herunterschweigt und emotionslos immer neue Zeugnisse der dunklen Zeit zutage fördert.

[Klaus Oberrauner, KulturToDate, April 2016]

Filmnotiz: Die Söhne des Barons (1964)

Diese ausladende filmhistorische Geschichtsdrama aus Ungarn (Originaltitel: A kőszívű ember fiai) ist mir in einem sehr merkwürdigen Kleid untergekommen. Und zwar auf einer DVD mit dem etwas irreführenden Titel „Tempelritter-Edition 2“, auf der sich auch zwei andere Filme befinden (auf die möchte ich hier nicht näher eingehen), die genausowenig mit mittelalterlichem Tempelrittertum zu tun haben wie „Die Söhne des Barons“, der auf dieser DVD unverständlicher Weise unter „Das Banner der Tempelritter“ angeführt ist.
Dabei beruht „Die Söhne des Barons“ auf dem gleichnamigen Roman des großen ungarischen Märchenerzählers Jókai (Dr. Ásvay Jókai Maurice [1825-1904]) aus dem Jahre 1869. (Der Vorspann des Films beginnt auch mit der Einblendung einer Porträtzeichnung des Autors)
In 158 Minuten entfaltet sich die Geschichte des Ungarn-Aufstandes von 1848 gegen die Habsburger. Mittendrin die drei Brüder, die Söhne eines verstorbenen konservativen wie kaisertreuen Gutsherren und Leutnant. Einer ist Diplomat in St. Petersburg. Die beiden anderen befinden sich als Schreiber bzw. als Rittmeister im polizeistaatlichen Vormärzwien eines Fürsten Metternich.
Die historische Fülle des Films von Regisseur Zoltán Várkonyi (1912-1979) ist ebenso beeindruckend wie die Liebe zum Detail, ein authentisches Abbild der Zeit zu zeichnen. Das reicht von der Rekonstruktion höfischer Tanzpraxis, über die Kleidermode der Zeit oder die Einbindung ereignisbegleitender Musik bis hin zur altwienerischen Spielkarte.
Nachdem der osteuropäische Film wie in einem Überraschungsei auf mich kam war ich doppelt überrascht und berührt. Marke: empfehlenswert. Und: Wer historische Filme/Literaturverfilmungen mag wird sich über das erst 2009 auf Deutsch synchronisierte Kleinodstück Filmgeschichte bestimmt freuen.

 

 

„Man erzählt über Landschaft Kultur“

„Bergdoktor“ Hans Sigl im Interview über Natur, Film und sein Serienarztdasein.

Was bedeutet Ihnen „Natur“?
Hans Sigl: „Natur hat sich in der Ursprünglichkeit der Bedeutung für mich sehr verändert. Als Kind habe ich nie darüber nachgedacht. Ich war Teil der Natur. In meiner Welt gab es nichts anderes. ich bin auf dem Land großgeworden. Insofern ist Natur für mich ein Grundnahrungsmittel, eine Kindheitserinnerung und eine direkte, dichte Beziehung zum Sein.“

Was reizt Sie daran, sich als Landschaftsfotograf umsehen zu wollen?
Hans Sigl: „Ich fotografiere sehr viel. Ob ich gleich eine Bezeichnung daraus machen wollte, weiss ich nicht. Ich finde Peter Felbert als Landschaftsfotograf wunderbar. Man erzählt über Landschaft Kultur und das ist das Großartige daran.“

Was ist die besondere Herausforderung an der Darstellung eines Serien-Charakters?
Hans Sigl: „Das sind viele verschiedene Facetten. Einerseits ist eine kontinuierliche Arbeit immer etwas anderes als ein Stückvertrag. Ich bin ein Teamplayer und ich mag es, Figuren über längere Zeit zu entwickeln. Es ist auch eine Frage der Disziplin. Wenn man das Glück hat eine solche Rolle spielen zu dürfen, dann muß man auch jeden Tag ran wollen: Ans Spielen, an die Geschichten. Ich bin von je her ein Workaholic. Ich arbeite gern viel und schnell. Insofern bin ich da genau richtig aufgehoben. Es ist auch eine Verantwortung einer Sache und dem Team gegenüber. Ich nehme sie sehr gerne an.“

Warum, glauben Sie, erfreuen sich Arztserien jüngst so großer Beliebtheit?
Hans Sigl: „Der Wunsch gehört zu einer gewissen Retro-Verliebtheit: Der Arzt als Gutmensch, der heilen kann. Dr. House erfüllt letztendlich denselben Wunsch des Zuschauers, wenn auch der Arzt in diesem Fall auf den ersten Blick nicht wirklich positiv zu sein scheint. Es ist ein Urinstinkt des Menschen, sich an Geschichten zu erheitern, die tragisch sind und vielleicht durch einen Helden Besserung erfahren.“

Schon in den 1990er Jahren war der Bergdoktor ein Fixpunkt im Hauptabend. (Wofür Sie auch als Taxifahrer gecastet wurden. Stimmt das?) Nun ist das so genannte Re-Vival einer bekannten und beliebten Serie immer auch ein Abenteuer. Wie sind Sie zum „Bergdoktor“ geworden und was ist es, das Ihnen an dieser Rolle besonders gefällt?                                                                                   Hans Sigl: „Ja, das stimmt. Ich wurde gefragt ob ich die Rolle übernehmen möchte. Die Rolle kam zu mir und ich sage immer, es kommt die richtige Rolle zur richtigen Zeit. So war es hier und so wird es auch in Zukunft sein. Mir gefällt einfach die Unterschiedlichkeit der Figur. Es ist für einen Schauspieler alles drin.“

Worin sehen Sie die Unterschiede und Herausforderungen für den Film oder für die Bühne zu arbeiten? Warum „glaubt“ man dem Fernsehen mehr, warum scheint ihm das Erzeugen von (scheinbarer) Authentizität eher zu gelingen?                                Hans Sigl: „TV bildet scheinbare Realität ab und Theater überhöht. Ganz klar. Bühne hat nicht den Auftrag realistisch zu sein. TV schon eher. Wobei Fiktion natürlich auch immer realitätsfremd ist, weil die realistische Zeitspanne fehlt.“

Überhaupt formulieren Sie in Ihrem „Fönton“ auf sehr farbenreiche und philosophierende Weise Abschnitte, Anekdotisches aus Ihrer Biographie. Man sieht sich einer sehr sensitiven, fragilen und dann doch wieder sehr unmittelbaren und direkten Sprache gegenüber. Sind das auch diese „gedanklichen Sollbruchstellen unserer Zeit“?  Woher kommt Ihre Liebe und Freude zum Schreiben? Was bringt Sie zum so bewegenden und bewegten, so bildlichen Fassen von Gefühlen, Gedanken und Situationen?
Hans Sigl: „Das ist ein Anliegen, dem ich mich immer wieder mal widme. Woher das kommt ? Ich weiss es nicht. Ich mag Sprache und vielleicht habe ich das noch meinem Deutschprofessor zu verdanken.“

„Fönton“, ein Begriff der in diesem Zusammenhang sowohl das Wortspiel als auch das Satirische, das einem im Leben begegnet, das scheinbar Absurde und doch zutiefst Menschliche, betitelt. Wie kam es zu dieser Idee? Was steckt dahinter?
Hans Sigl: „Es ist eine Verballhornung des Feuilletons und da jeder vernünftige Schauspieler immer gerne eine Rezension in demselben hätte, dachte ich mir ich schreibe mir einen eigenen Fönton. Es sind einfach Gedanken, die mich beschäftigen. Mein eigenes Poesiealbum. Wenn andere reinlesen, freut es mich. Vielleicht ist es aber auch einfach nur ein Tool, um eine andere Seite von mir zu zeigen. That’s it.“

Es werden auch regelmäßig Bergdoktor-Fantreffen abgehalten. Dass sogar ein ganzer Fanclub dahinter steht bezeugt den erfreulichen Beliebtheitsstatus. Was ist das Besondere an dieser Serie? Was können die Fans bei Ihrer persönlichen Sprechstunde erwarten? Wieviel „Mediziner“ sind Sie mittlerweile geworden? 
Hans Sigl: „Das Besondere an dieser Serie ist die Kombination aus Geschichten, Schauspielern und Kulisse. Scheinbar schaffen wir es, die Familie Gruber und die medizinischen Fälle glaubhafter als bisher rüberzubrungen. Der Schauspieler ist immer Schauspieler. Ich weiß ein bisschen mehr über Medizn als bisher, aber es bleibt einfach zu wenig Zeit, um Medizin zu studieren.“

Hat sich schon die Gelegenheit ergeben mit Ihrem Serienkollegen Mark Keller gemeinsam zu muszieren oder würden Sie es gerne?
Hans Sigl: „Kommt Zeit, kommt Swing. Irgendwann, irgendwo wird es sich mal ergeben.“

Der Hörfreund. Er ist das Hören, das Zu-Hören, das Sich-Selber-Hören, das Bewusst-Hören. Er ist Begleiter, er ist Insel in einer Welt, die scheinbar im Begriff ist aus den Fugen zu geraten, was die Menschen verunsichert, verängstigt – das An-Sich-Selber-Glauben, an seinen Selbstwert – vergessen macht und absurd scheinen lässt. Er ist aber noch viel mehr. Vielleicht sogar ein Stück von der Nachhaltigkeit, die einer kurzlebigen, der Oberflächlichkeit verdammten Welt immer fremder wird? Erzählen Sie uns doch bitte ein bisschen darüber.
Hans Sigl: „Ich hätte es nicht schöner beschreiben können. Dr. Pablo Hagemeyer, der medizinische Fachberater des Bergdoc,  und ich haben uns  überlegt, wie wir gemeinsam meditatve Reisen umsetzen können. Er hat geschrieben, ich habe produziert. Wie ich finde, sehr gut. Es sind sehr umfassende Meditations-CDs geworden.“

Was bedeutet es Ihnen, einen Traum zu haben?
Hans Sigl: „Träume sind was Schönes. Ich habe gerne Ziele. Ein Traum ist ein Ziel ohne Kontur. Insofern ist immer alles eins und doch verschieden.“

 

„Meine Ideen entstehen aus Bildern hinter den Augen.“

Mit „Atmen“ gelang Karl Markovics ein internationaler Filmerfolg. Zahlreiche Besucher ließen sich von der Eigentümlichkeit des bewegenden Geschichte um einen straffällig gewordenen Jugendlichen auf dem Weg zurück ins Leben bewegen und fesseln. Unter anderem in den Kategorien „Bester Spielfilm“, „Bester männlicher Darsteller“, „Beste Regie“ und „Bestes Drehbuch“ beim Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet.

Im Interview erzählt er  über sein ausgezeichnetes Regie-Debut und die Besonderheiten des Österreichischen Films:

Was bedeutet für Sie die Verleihung des Österreichischen Filmpreises?
Karl Markovics: „Preise sind eine Wertschätzung über den Moment hinaus. Der Österreichische Filmpreis ist dazu da, dass Propheten auch im eigenen Land etwas gelten. Österreich war bis vor kurzem eines der wenigen Länder in Europa, in dem es keinen eigenen nationalen Filmpreis gab.“

Mit „Atmen“ geben Sie Ihr Debut hinter der Kamera. Eine besondere Herausforderung?
Karl Markovics: „Herausforderungen sind Triebfedern. Ich habe mein Leben lang das Unbekannte, das Unvorhersehbare gesucht. Ich wollte schon als Kind entweder Schauspieler oder Regisseur werden. Mit 5 habe ich meine erste Rolle gespielt, den „Hans im Glück“ auf dem Erntedankfest in Kapellerfeld (Anm.: Niederösterreich). Mit 7 habe ich meine erste Regiearbeit versucht, den „Zauberlehrling“, nach der Ballade von Johann Wolfgang von Goethe. Die Proben auf dem Schulhof, mit 2 Buben und einem Mädchen aus meiner Klasse, verliefen schon nach wenigen Tagen im Sand. Die anderen wussten offenbar besseres mit sich anzufangen, als Goethe auswendig zu lernen, oder sich als Belesen zu verkleiden.“

Sie haben auch das Drehbuch für „Atmen“ verfasst. Woher kam die Idee zu dieser fesselnden und berührenden Geschichte, die am Rande der Gesellschaft und doch mitten in der Realität schwieriger zwischenmenschlicher Beziehungen dieser Tage spielt, wie auch vor dem Hintergrund des schwierigen Alleinseins?
Karl Markovics: „Meine Ideen entstehen aus Bildern hinter meinen Augen. Es kann passieren, dass so ein Bild in meinem Kopf auftaucht und mich nicht mehr verlässt. Dann frage ich mich nicht, warum, sondern wohin? Im Fall von „Atmen“ war es das Bild einer toten, alten Frau, die auf dem Fußboden ihres Wohnzimmers liegt. Es ist wie ein Puzzleteilchen, das man findet und von dem man sich den Rest des Bildes dazu denken muss. Das war die Arbeit am Drehbuch – sich vorstellen, wie die restlichen Puzzlestücke aussehen könnten.“

Was ist für Sie der „Österreichische Film“? Was macht ihn und seinen mitzuerlebenden Erfolg aus?
Karl Markovics: „Der Österreichische Film hat neben seiner offensichtlichen Vielfalt eine gemeinsame Eigenart – er erzählt Geschichten, für die sich niemand sonst interessiert. Es sind oft Geschichten von Rändern und Rissen. Ränder und Risse sind Zonen, wo ein Wesen kenntlich wird; wo sich seine Grenze oder seine Verletzlichkeit offenbart. Ränder und Risse werden häufig gemieden, weil die Begegnung mit ihnen gefährlich und schmerzlich sein kann. Österreichische Filme nehmen diese Gefahr in Kauf. Das ist ihre Besonderheit.“

Sie starteten den Aufruf auf der Suche nach einem „echt wienerischen“ Jungen für Ihr Filmprojekt. Wie haben Sie sich für Thomas Schubert als Hauptdarsteller entschieden?
Karl Markovics: „Der Slogan mit dem „echt wienerischen Jungen“ stammt nicht von mir. Ich brauchte für die Rolle einen Achtzehnjährigen. Da man in diesem Alter keinen erfahrenen Schauspieler findet, haben wir über Schulen und auf der Straße gecastet. Es haben sich an die 250 Burschen gemeldet, von denen Nicole Schmied, meine Casterin, 40 in die engere Wahl genommen hat. Nach zwei weiteren Runden war nur noch einer übrig – Thomas Schubert. Sein Spiel war so einfach und wahrhaftig, dass man ihn leicht hätte übersehen können, wäre seine Präsenz nicht so unglaublich gewesen.“

 

Chopin in der Flimmerkiste

Chopin-Verfilmungen auf der Spur.

Vor allem über Beethoven sind sie in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden geschossen. Zu Mozart gibt es sie en masse und auch Bach mit Familie hat man wiederentdeckt. Der „Johann Sebastian-Bach“-Mehrteiler aus der EX-DDR mit dem dafür mehrfach ausgezeichneten Ulrich Thein in der Hauptrolle, ist zudem eine der besten Komponisten-Verfilmungen, die ich kenne. Genre-Stiefkind ist Chopin.

Um die Wende des 20. Jahrhunderts gibt es an einer Hand abzählbare Stummfilme, in den 1930er Jahren entsteht „Abschiedswalzer – Zwei Frauen um Chopin“ mit Wolfgang Liebeneiner. Gut 60 Jahre später versucht sich Hugh-Grant in der liebelei-verkärten Hollywoodromanze „Impromptu-Verliebt in Chopin“ als frankopolnischer Herzensbrecher. In Deutschland zeichnet man schmachtend „Bilder einer Trennung“.

Selbst das Chopin-Jahr 1999 hat mit „The Mistery of Chopin“ nicht mehr als eine halbherzige, wenn auch prallgefüllte Semi- Dokumentation parat. Enttäuscht darüber, stoße ich in den Untiefen wissenschaftlicher Recherche auf das Trostpflaster: „Desire for Love“.

Die polnische Produktion von Jerzy Antczak von 2002 knüpft an das gerne gezeichnete und vorgeformte Chopin-Bild an. Seit 2004 auf DVD, war sie jedoch offiziell vorerst nur für Region-1 (DVD-Ländercode für Nordamerika) erhältlich. Mittlerweile gibt es ihn auch hierzulande auf DVD zu kaufen. Der Film, im Spannungsfeld zwischen dem Aufbruch aus Polen und der Krise auf Mallorca, fokussiert vor allem auf das Werden und Vergehen der Liaison mit George Sand. Hier wird eine der interessantesten Künstlerbeziehungen des 19. Jahrhunderts in durchaus stimmigen Bildern erzählt. Dass er sich sehr bemüht, die biographischen Grenzen nicht unnötigerweise zu verlassen und den Soundtrack Chopin’scher Originalstücke sehr trefflich wählt, verhilft ihm sehr einer kitschigen Linie zu entrinnen. Das gelingt auch dank idealbesetzter, überzeugender Darsteller.

[Klaus Oberrauner, KulturToDate, April 2016]