Kategorie: Buch & Literatur

„Ehemals“

Kurzgeschichte von Klaus Oberrauner auf Illustrationen von Lorenz Bögle. Das Motto: Die interaktions Bilder-Geschichte.

„Das Unterfangen startete mit dem Gedanken, nach Entstehen einer Reihe von Zeichnungen während eines Irlandaufenthaltes, diese doch mit einer Geschichte zu bespielen. Ich stellte sie zur Inspiration aus. So geriet ich über einen Freund und dessen Bekannten an Klaus Oberrauner, der sich voller Freude mit diesem wunderbaren Ergebnis dieser Idee annahm. Dieser interdisziplinäre Brückenschlag ist der erfreuliche Anfang für fruchtbare Weitere. Hier, auf diesem Blog, heißt es Art Connected.“ [Lorenz Bögle]

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

Ehemals.

Prolog.

Wie sich schleicht die Klage
an das kecke Gold,
als hätt‘ die üble Sage,
ins Dunkle heimgewollt.

Sachte um die Hände,
die hoffen allemal,
schwänzelt sie um die Wände,
durchhaucht ganz leis‘ den Saal.

Gleich dem Dieb, als Freundin,
die Schattenfarb‘ sich sucht,
spitzt sie gegen den Feind hin,
und seine drohend‘ Glut.

Sein Haupt ist flink und wendig,
sein Atem höllisch warm,
die Stimme schön elendig,
der Augen schöner Schwarm.

Sie macht die Finger zittern,
die um Güte rittern,
und bei diesem Ringen,
bebend Leeres singen.

Stein um Stein entschwebt sie,
des Schlundes Höh‘ empor,
und Stille ward und Hoffnung,
wie Morgenrot zuvor.

* * *

Gnadenlos war die Nacht am Dreizehnten des Novembers 1538. Sie schluckte alles, was gut und böse und jenseits davon war und schickte ihren kalten Unmut darüber durch die alten Gassen. Schwerer Regen umschleierte die Dächer als trachtete er danach ohngemein beschämte Gesichter verbergen zu wollen. Tief unter dem festen Schritt des Hellebardiers, dessen kleines Licht sehr einsam der Unheimlichkeit widerstand, tanzten die Schatten eines wärmenden Feuers an den Wänden eines prachtvollen Gewölbes. Die Fackeln an den Säulen, die in hohen runden Bögen aus nacktem, felsigen Stein auswuchsen, bebten wie lodernde Schwerter des Eosphóros. Dazwischen, wie aus dem Erdreich emporgewachsen, ein marmorner Altar unter den Augen einer entschwebten Pietà. Ihr schickte eine in rotes Tuch gehüllte Gestalt auf demütigen Knien ihr leises Flehen. „Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus, nunc et in hora mortis nostrae.“ Und sie schaute herunter, die Maria, als hätte sie trotz allem kein Erbarmen. „Hier beweinst du den Leichnam deines Sohnes, doch in meinem Elend bleibe ich für mich allein.“ Ein leises Räuspern vertrieb die Gewissheit, ungehört zu sein. „Ich habe mir schon gedacht, dass ich Euch hier finde, Baroness.“ Baroness – erstaunlich wie aufrichtig dies aus seinem Munde kam. Als wäre alles rechtens. Als machte keine Vergangenheit das Hier und Itzo.

Elendiges Spelunkengeklapper! Der Betagte, der verlautete, Kutscher in Diensten des Pastelgroßhändlers Bernuy gewesen zu sein, goss sich in ihrem Traume derart gierig den Wein hinein, dass dieser ihm am langen verfilzen Barte heruntertropfte.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

Es war zu jener Stunde, da er sich beinah täglich in den Wust der Ausgelassenheit begab. Alsbald schon hatte sie sein herausforderndes Geschau bemerkt. Als könnte einer, der aus dem Schlaraffenland kam, je ein Gefühl von Hunger haben. Zumindest flog es von leichten Zungen, dass er aus dem ringsum also genannten Süden vor der Stadt käme. „Dette, Dette, nur zu ihm! Er möchte deine Gesellschaft!“ Ein großväterlicher Lüstling, vor dem es ihr ekelte. „Na, geh schon Dirne! Das sieht doch eine blinde Kuh!“ Der Wirt duldete kein Ungehorsam. Seine rotaufgeblasenen Wangen zeugten von ewig herumgetragenem Grimm. Als der Kutscher sie kommen sah, hindurch durch tanzendes, grölendes und gieriges Volk, verfiel er in ein kindliches Lachen, das sein Augenweiß glasig machte. „Kommt, setzt Euch doch, Baroness!“ prustete er darauf los. Leicht lässt man sich veralbern. „Aber mitnichten, mein Kind. Mitnichten.“ Und er drückte seine verbrauchte, ledrige Hand in ihr weiches, weibliches Fleisch. „Ich bin doch kein Grobian.“ Er kicherte verstohlen. Dann erfuhr sie es. Sie soll ihr bis aufs Haar gleichen, der Edelfrau, die in seinem alten Gespann durch die Stadt fuhr, um Bernuy zu besuchen. „Bis auf die Nasenspitze. Wie ein Ei dem anderen. So gleich.“ Eine geheimnisvolle Baroness, von der man nicht viel mehr wusste, als dass sie sich, früh verwitwet, in einem Château irgendwo abwärts der Garonne zurückgezogen hatte, um von dort gönnerhaft zu sein, ihrer Vorliebe für edelblaue Gewänder nachzukommen und zu beten für die ihre und für andere arme Seelen. „Kein schöner’s Bleu gibt’s als hier“ nickte der Kutscher und soff auf das Wohlleben und die Anmut der Baroness an seiner Seite. „Ja, Baroness sagen sie. Baroness. Ich habe es vernommen mit eigenem Ohr.“ Unumschweiflich, sie musste ihn sehen, ihren Zwilling. „Unglaublich!“, rief sie. „Unglaublich sie alter Schwindler.“ Sie kniff ihn in die Nase. „Oh nein, Liebste. Ich glaube, ihr wollt mich verwirren.“ Sie befriedigte ihn mit dem Trost des Betrunkenseins.

Sie faltete die Hände so fest, dass sie ihre Knochen spürte. Schwere Stiefel näherten sich, die den Sand über den Stein schleiften. „Ihr betet zu Teufelszeug!“
„Wie schön, dass Ihr Euch an ihn hält.“ „Nicht umsonst zitierte die Heilige Inqusition diesen provençalischen Seher vor ihr Gericht.“ Allmählich lösten sich ihre Finger von der Kälte des Altars und nach dreimaligem Bekreuzigen erhob sie sich mit Bedacht.
„Das bedeutet nichts weiter, als dass sie den Michel de Nostredrame fürchten.“
„Aber natürlich, weil er ein Verrückter ist.“
Nun war es ihr, ihm ins Gesicht zu schauen und seinen Blick einzufrieren:
„Weil er Ideen hat!“
„Gespinste sind’s, die alle Reformer treiben!“
„Also habe ich meinen Verstand verloren.“
„Ihr scherzt, Maman.“
Oja, sie scherzte und wie sie scherzte. Wie die trockene, raue Haut des Fuhrwerkers auf der ihren, dass ihr die Gänsehaut über den Rücken kam. Sein hohles Pfrusten in den Ohren.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

Dieses wunderbare Blau. Es erinnerte sie an die Unendlichkeit wolkenloser Frühlingshimmel. Sie sind wohl auch daraus gemacht, erspürte sie. Auf ihr lächelndes Nicken hin wies ihr selbsternannter ehrerbietigster Diener, der brave Bernuy, an, den Ciel in die Truhe zu packen. Gerne blieb sie zum Essen, auch wenn der vielen Worte nicht ihres war. In der Küche hatte der Hausherr keine Stümper. Magret de Canard und Veilchenlikör – sterben könnte sie dafür. Läge sie nicht im Wiesengrün der Lautenklänge einem frechen und scheuen Wildhasen gegenüber, sie hätte vermeint, es wäre der Herr, der mit ihrer Frömmigkeit spielte. Neugierig schlich er sich wieder heran durch die tarnenden Halme, stellte die Löffel auf und schnupperte treuherzigen Auges. Sie erhob ihren Becher und flugs kehrte er ihr den Rücken mit dem schneeweißen Stummel. Behände trugen ihn seine langen Läufe in das Dickicht fort. Nein, dir komm ich nicht hinterher! Geblieben war der Geschmack unschuldiger, violetter Blumen. Im Morgenrot war es Zeit zu fahren. Ein kurzes Gebet noch vor der Reise, während die Lakaien den Wagen beluden. Im Morgenrot, da la ville rose ihre wahre Schönheit auftat.
Irgendwann würde sie nicht mehr alleine ihrer Wege ziehen. Irgendwann nicht mehr. Und irgendwann würde ihre Sprache mehr sein als gottgewandtes Seufzen.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

Immerzu zur gleichen Zeit. Fürwahr. Beim fernen Frühgeläut stand das edle Gespann. Hinter der Mauer lauerte sie, die Dette. Der Alte hatte rechtbehalten. Ihr Herz bebte unstet. Wie anders wurde ihr, als sie sich hinter dem goldverzierten Gehänge herausschauen sah. Am Bocke war kein Kutscher. „Dort ist sie, Baroness“, schnäkte die Ratte in ihrem Rücken Schadenfreude. „Das andere Ei.“ Die Brut des Unaussprechlichen. Sie nahm ihr die Kraft aus allen Gliedern und schwächte jede Wut. „Wessenthalben er mich nur erwählt hat?“ Alle Gedanken stahl er ihr. Alle guten und alle bösen. Nichts war als die Glocken, das ferne Nicken und das „Allez!, Allez!, Allez!“

„Etwas mehr Benimm, Junge! Treibt kein Spiel. Unverschämten ist das Glück nicht hold.“
„Ich erkenne Euch nicht. Wahrlich, ich erkenne Euch nicht wieder.“
„Ist das so?“
„In Momenten habe ich das Verlangen, Euch zu fragen, wer Ihr seid.“
„Eure Baroness?“
„So verändert seid Ihr mir. So fremd, ich kann gar nicht sagen wie.“
„Sagt es!“
„Es ist wie Scheinheiligkeit.“
„So schickt Euch und lasst mir meinen Frieden!“
Grob war ihre Hand und finster ihre Miene wie die herrschende Nacht.

Ach, wie verleideten ihr Abschiede alles. Im Grunde mochte sie Bernuy, mehr als sie derzeiten zuzugeben gewillt war. Angst machte es ihr, dass er die Gefühle zu ihrem Toten zu übermalen begann wie ein Artiste seine graue Mauer, Strich für Strich. Aus einer von Pflanzen ausgepressten Farbe, die ein bisschen giftig roch. Und sie die Mauer war, die sich dagegen stellte und ständig nachgraute. Über die saftige Wiese lief sie und pflückte die Veilchen. Plötzlich verdunkelte sich die Sonne zu einem patzigen Klumpen Pech. Wer machte ihr Schatten? Furchtsam erstarrte sie im Angesichte ihres Ebenbildes, das mit keilerartiger Wildheit den Spieß auf sie richtete. Kreideerbleicht hob sie die zitternden Blumen gegen die erboste Macht. Wer spielt ihr diesen üblen Streich. Nichts wie Erbarmen! Erbarmen, oh Himmel! Ihr Herz schmerzte, aber nur kurz. Als sie sich wieder fasste, lachte die Sonne wieder und alles war wieder gut. Sie sammelte die Blumen ein und roch daran. Die Veilchen. Dafür könnte sie sterben. Sie roch noch einmal und sie war befriedigt, bis sie von Weitem einen Hasen hoppeln sah.

„Ich hasse Euch“, sagte sie den stummen Wänden. „Oja, ich hasse Euch!“, rief sie den sich entfernten schleifenden Schritten nach. „Ich hasse, Ich hasse, Ich hasse, Ich hasse!“ Sie schlug gegen die Säule bis das Blut aus ihren Händen tropfte. „Ich hasse die Baroness!“ Sie, das größte aller Gespinste. Was hatte sie nur in ihrem ewig verdammten Leben verloren?

Vor ihr saß sie mit weit aufgerissenen Augen und einem schalkhaften Lächeln um die üppig geröteten Lippen. Wie leicht das Messer in sie hineinging. Immer tiefer, immer tiefer und wie es gierig schmatzte. Keinen Laut hatte sie gemacht. Kein Ruf, kein Schrei, kein Schluchzen. Dette ist tot, es lebe die Baroness!

Genug hatte sie vom Glauben. Nichts wie hinauf in die stürmische Nacht. Dort traf sie ein halber, trauriger Blick des Sohnes ehe er auf sein Pferd gestiegen und in die blinde Hölle hinausgeritten. Elendig! Sie hielt sich ihr Tuch über das Haupt gegen den stürmischen Regen. Lautlos und unsichtbar wurde sie und verschwand über eine schmale Treppe in einer abgelegenen Gasse. Ihr Klopfen an das knarzende Holz ward bald gehört. Drinnen nahm ihr ein Heros von einem Mann das triefende Rot von den Haaren. „Ich bin überrascht, Baronesse!“, näselte er. „Ganz in edlem Blau, wie du siehst.“ Der Schmied nahm seine ledrige Schürze ab und warf sie auf die Erde. Seine Augen glänzten.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

Ein wilder Hase kam auf sie zu. Zunächst scheu und neugierig zugleich. Herrlich groß war er und wie schön anzuschauen. In seinen Kullern spiegelte sich die Sonne. Vorsichtig streckte sie die Hand aus. Im Anfang war ein Schnuppern. Zögerlich kam er in ihren Schoß und sie begannen sich zu liebkosen. Sie spürte sein Herz unter dem warmen Fell. Und dann lagen sie, Seit an Seit in der großen großen Wiese. „Ich liebe dich“, sagte der Hase. „Ich liebe dich auch“, erwiderte sie, als wäre es kein Wunder mit dem Mümmelmann zu parlieren. „Ich hoffe, du läufst mir jetzt nie wieder davon.“
„Nie wieder“, versprach der Hase.

Epilog

Nur wenige Kerzen schwächten die Düsternis unter den hohen Bögen. Mit einem kleinen Lied lässt sich alles vertreiben, so hat sie erfahren. Schnell verhallte es in den unheimlichen Winkeln. Mörder, wo bist du? Dieb, was suchst du? Ihre Hände falteten sich auf der Bank und weiter sang sie eine Melodie, die sie im Schlaraffenland gehört hatte. Eine Melodie des Lebens, so lange bis sie davon aufgeladen war. Da war doch ein Schatten? Zu schnell ist er gewandert, um ihre Sinne zu täuschen. Drückend war die Leere. Schwer war die Stille. Sie horchte ins Nichts.
„Baroness, erschreckt nicht. Ihr hier?“
„Bonsoir, Herr Pfarrer.“
„Was sucht Ihr? Womit kann ich dienen zu dieser Stunde?“
„Eine Antwort auf die Frage, wer ich bin.“
Schweigen.
„Kein Schweigen, Herr Pfarrer, gibt mir Antwort.“
„Ich fürchte, ich verstehe nicht?“
„Erzählen Sie mir alles.“
Und alles hörte sie sich an. Durch Tränen sah sie alles.
Wie sie leblos in dem Weidenkorb lag auf der Treppe zur Spelunke und wie sie das Messer ins Schwesterherz bohrte geliebt von Hass und Angst.
Ehemals.

Während die Sonne die Nacht in die Knie zwang und die Stadt in ihr schönstes Rosarot tauchte.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

[copyright: Klaus Oberauner & Lorenz Bögle, ArtConnected, April 2016]

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„Mich würde es freuen, wenn die Leute mehr mit Sprache spielen“

Der junge, besonnene Wiener Sprachkünstler Robin Reithmayr alias „Mriri“ im Gespräch über sein Schaffen, Poetry Slam und das vielseitige Phänomen „Sprache“.

Woher kommt Dein Bedürfnis zum Schreiben?
Robin Reithmayr: „Das Bedürfnis, das ich am Anfang gehabt habe, das war einfach etwas sehr Therapeutisches. Ich habe angefangen im Herzschmerz zu schreiben. Ich schreibe natürlich auch wegen der Anerkennung. Ich glaube, dass kein Mensch, der irgendetwas mit Kunst macht, sagen kann, dass er nicht geil darauf wäre, Anerkennung zu kriegen. Nach wie vor ist es Therapie. Je schlechter es mir geht, desto mehr schreibe ich. Natürlich auch, weil es Spaß macht.“

Welchen Anspruch legst Du an Deine eigenen Texte?
Robin Reithmayr: „Mein Anspruch ist es, etwas zu schreiben, das noch nicht jemand geschrieben hat. Das bezieht sich sowohl auf das Inhaltliche als auch auf das Formale. Das Schwierigste ist es, einen guten Inhalt zu finden, der nicht voller Pathos ist.“

Was ist dieses „Pathos“?
Robin Reithmayr: „In diesem Kontext meine ich mit Pathos das Gefühlsschwangere, wo die Welt und der Schmerz überschwellen. Es kann zwar interessant sein, wenn es schön bearbeitet ist, aber ich mag es nicht, wenn der Text alles dokumentiert und jedes einzelne Gefühl ausspricht. Wenn der Inhalt eine Emotion hervorruft, ist das für mich schon genug. Das Raumgebende, dem Leser nicht alles zu servieren – diese Kunst des Offenlassens und des Weglassens – ist auch eine gewisse Form von Intelligenz, finde ich. Auch in dem Sinne, dass du dem Leser zutraust, dass er das versteht, dass er es ergänzen und irgend etwas damit machen kann. Wenn du alles am Silbertablett servierst, implizierst du ja, dass der Leser blöd ist.“

Was schreibst Du?
Robin Reithmayr: „Mein Fokus liegt auf der kleinen literarischen Form: Ich schreibe gerne Witze, Wortspiele, aber auch sehr gerne Gedichte. Ich schreibe einfach was ich will. Es entsteht auch sehr viel unterwegs. Ich habe meinen Block immer dabei, da kritzel ich immer herum. Manchmal schreibe ich Texte, wo ich nicht kontinuierlich daraus etwas machen kann, weil die Gedanken so komplex sind. Es sind immer wieder Texte am Entstehen, manchmal veränderst du sie. Manchmal erlebe ich Lustiges dank meines Faibles fürs handschriftliche Notieren: Ich denke an den Verkäufer beim Dönerstand, der mich extra nett behandelt, im Glauben ich wäre irgend ein Hygieneinspektor, weil er mich etwas Notieren sieht.“

Worin liegt die Verantwortung eines Autors?
Robin Reithmayr: „Verantwortung ist ein sehr abstrakter Begriff. Ich persönlich glaube nicht an Verantwortung. Ich glaube, niemand hat eine Verantwortung für irgendetwas. Von daher sehe ich auch keine Verantwortung beim Autor. Wenn überhaupt fühle ich mich dafür verantwortlich, so zu schreiben, dass es die Leute auch verstehen. Schließlich schreibe ich, um etwas zu erzählen.“

Worin liegt die Chance und die Kraft der Lyrik?
Robin Reithmayr: „Was die Lyrik kann ist, in der Knappheit der Sprache etwas zu sagen, was gar nicht weiter argumentiert werden muss. Eine Geschichte muss aufbauen. Es ist vielleicht so wie wenn man ein Fünf-Gänge-Menü mit einer dekorierten Praline vergleicht, wo jedes Detail stimt. Beim Fünf-Gänge-Menü kannst du dich reinschlemmern, du kannst dich da voll austoben. Das Gedicht ist eine Praline, die dir schmeckt oder nicht. Es ist sehr knapp, sehr konzentriert und von daher schwerer zugänglich. Das Gedicht ist etwas sehr Persönliches. Oft fällt es schwer als Aussenstehender die Intensität des darin konstruierten Moments zu erfassen.“

Was ist Poetry Slam?
Robin Reithmayr: „Eine Dichterschlacht oder so ähnlich. Beim Poetry Slam treten mehrere Leute, meistens zehn, gegeneinander an, die jeweils fünf Minuten Zeit haben, Selbstgeschriebenes zu performen. Das Publikum entscheidet, wer ins Finale kommt. Dann haben die Finalisten noch einmal die Chance etwas darzubieten und das Publikum entscheidet dann auch, wer gewonnen hat. Es ist eine sehr gute Atmosphäre, um Dinge zu lernen. Es ist sehr spielerisch. Anders wie auf Theaterbühnen erwarten die Leute auch nicht, dass du es perfekt machst. Es sind ganz normale Leute, die etwas machen und keine Burgschauspieler. Es geht um leicht verständliche Sachen. Es ist schon ein bisschen verpönt in der normalen Literaturszene, da das Format auf die breite Masse ausgelegt ist. Vielleicht steckt dahinter auch ein gewisser Neid diesbezüglich.“

Worin liegt die Musikalität eines Poetry-Slams?
Robin Reithmayr: „Rap und Poetry Slam sind verwandt. Du darfst auch auf einer Poetry-Slam-Bühne rappen. Singen ist nur teilweise erlaubt. Es hat auch etwas von Standup-Comedy. Es geht im Sprachspiel auch um die Freude am Experiment.“

Wie ist es um die Poetry-Slam-Szene in Österreich bestellt?
Robin Reithmayr: „In Wien gibt es mittlerweile massenhaft Slams. Nicht alle sind öffentlich zugänglich. Als Anfänger hast du sicher mindestens 3mal im Monat die Möglichkeit aufzutreten.“

Wie wichtig ist Sprache in unserer Gesellschaft?
Robin Reithmayr: „Davon abgesehen, dass wir damit kommunizieren, glaube ich, dass Sprache sehr viel mehr macht, als wir wahrnehmen können. Sprache ist ja auch oftmals sehr doppeldeutig. Durch diese Doppeldeutigkeit wird sehr viel mehr transportiert, was wir oft gar nicht bewusst wahrnehmen. Sprache schafft Realität. Beobachten wir ein altes Ehepaar. Es hat gerade den Bus verpasst. Sie: Ja, hättest du nicht so lang getrödelt. Da schafft sie die Realität: Ja du hast getrödelt und deswegen hab ich den Bus verpasst. Dann sagt er: Von wegen. Wenn du früher gefrühstückt hättest, hätten wir es auch geschafft. Dann schafft er diese Realität. Beim Poetry Slam kommt das insofern noch mehr zur Geltung, weil du einfach in den fünf Minuten deine Realität schaffst und die Leute versuchst in dieser Zeit da reinzuziehen.“

Was würdest Du Dir vom Umgang mit Sprache wünschen?
Robin Reithmayr: „Mich würde es freuen, wenn die Leute mehr mit Sprache spielen – weil es so viele Möglichkeiten gibt, damit etwas zu machen. Sprache besteht aus von uns gemachten Geräuschen. Wörter können doppeldeutig sein oder ähnlich klingen. Da würde ich mir wünschen, dass die Leute mehr darauf achten und Sprache nicht nur gebrauchen, um Information zu transportieren, sondern auch auf diese Metaebene einsteigen. In dem Sinne, was Sprache macht, was Sprache kann. Das würde mich sehr freuen. Aber ich weiß nicht, ob ich mir das erwarten darf.“

Das Schweigen brechen

Am 22.11. 2013 wurde erstmals der „Roma-Literaturpreis des Österreichischen PEN“ vergeben. Ausgezeichnet wurde der einfühlsame Schriftsteller Stefan Horvath, der in der alten Roma-Siedlung in Oberwart seine Wurzeln hat und dessen Schreiben eng mit dem persönlichen Schicksal verwoben ist. Ein Einblick.

Am 5. Februar 1995 machte es einen Knall. Einen Knall, der vier Menschenleben auslöschte. Auf einen Schlag. Nicht alle waren erschüttert in Oberwart. Nicht alle hatten dabei ihr eigen Fleisch und Blut zu betrauern.
„Ich bin der ewige Zigeuner, der in der Roma-Siedlung geboren und aufgewachsen ist. Der alle Jahrzehnte des Schweigens genauso stumm ertragen hat wie die anderen. Der die zerfetzten Leiber der vier Opfer gesehen hat. Der das Grauen am Tatort miterlebt hat. Der seinem toten Sohn in die gebrochenen Augen geblickt hat und seitdem die Stimmen seiner Vorfahren aus dem Jenseits hört.“
Das lässt Horvath den Protagonisten in seinem Bühnenstück Begegnung zwischen einem Engel und einem Zigeuner (2005) sagen. Durch ihn spricht er selbst, der nach dem gewaltsamen Tod seines Sohnes unter schweren seelischen Problemen und Schlafstörungen litt. Was da explodierte, eine Sprengfalle. Eine Rohrbombe des österreichischen Terroristen Franz Fuchs mit dem Schild „Roma zurück nach Indien!“ Dieses Ereignis brachte Horvath zum Schreiben. Das alles zu verarbeiten, auch das schwierige Minderheitendasein. So etwa in der Erzählung „Katzenstreu“ (2007), in welchem er das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln schildert. Aus der des Täters, der des Beobachters, der des Opfers. „Ich war sehr schweigsam, bis mich das junge Romamädchen fragte, warum ich nicht reden wollte. Ich erzählte ihr von ‚Katzenstreu‘ und dass ich nicht wüsste, warum mir gerade dieser Titel eingefallen sei. Das Romamädchen antwortete, dass der Sockel der Bombe von 1995 aus einem Katzenklo gefertigt worden war.“ Daraufhin entstand in Zusammenarbeit mit dem burgenländischen Musikern und Komponisten Willi Spuller die Hörspiel-CD „Katzenstreu“, bei der u.a. Karl Markovics als Sprecher mitwirkte. 2013 erschien nun sein drittes Buch „Atsinganos“, in dem er sich den Oberwarter Roma und ihren Siedlungen widmet. In seinem Einakter beschreibt er die Roma-Siedlung, in der er am 12. November 1949 das Licht der Welt erblickte, als großes Raumschiff, das aus seiner ursprünglichen Umlaufbahn geraten, angehalten worden und, seit Kriegsende, mit stummen Insassen besetzt ist. Er möchte darüber reden. Über die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft.
Die Schallmauer des jahrzehntelangen Schweigens, des Abgesondertseins zu durchbrechen. Er sieht sich den neugierigen Fragen eines Engels gegenüber, der seines irdisches Dasein als junges Mädchen in einem Konzentrationslager aushauchte.
Die Roma-Siedlung in Oberwart wurde von der Gemeinde für den Bau des städtischen Krankenhauses, in welchem Horvath bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2011 arbeitete, aufgelöst.
Nach dem Besuch der Volksschule durfte er als erster Roma die dortige Hauptschule besuchen. Nach der Schulpflicht verdingte er sich als Hilfsarbeiter für diverse Baufirmen in Wien und Umgebung, wurde Vorarbeiter, kam bis in den Betriebsrat und war Polier.
Für die besondere, einfühlsame Auseinandersetzung mit seiner Umgebung wurde nun Stefan Horvath mit dem „Roma Literaturpreis des Österreichischen PEN“ ausgezeichnet.
Der Preis wurde zum Gedenken an sein verstorbenes Mitglied, die österreichische Roma-Künstlerin Ceija Stojka (1933-2013), ihres Zeichens Schriftstellerin, Malerin, Sängerin, Tänzerin, KZ-Überlebende, Zeitzeugin und Menschenrechtsaktivistin, ins Leben gerufen.
Mit diesem Preis soll das in der Roma-Kultur traditionell verankerte künstlerische Schaffen, das literarische Schaffen von herausragenden Roma-Persönlichkeiten gewürdigt werden. Gleichzeitig damit gleichzeitig das in Europa weitgehend diskriminierte und im Holocaust fast ausgerottete Volk der Roma und Sinti hingewiesen werden. Eine wichtige Zeichensetzung und Einmahnung hinsichtlich der Menschenrechte.
Der Engel schaut ihn an und fragt ihn, wer er denn sei? „Ich bin der Zigeuner, der seine Stadt liebt, genauso wie seine Vorfahren diese Stadt geliebt haben. Der das Gespräch sucht, keinen Hass gegen sie empfindet. Der die Schallmauer dieses jahrzehntelangen Schweigens endlich durchbrechen will.“

 

Stefan Horvaths Bücher:

Ich war nicht in Auschwitz. Erzählungen.
Edition lex liszt 12 (2003)
ISBN: 978-3901757358

Katzenstreu. Erzählung.
Edition lex liszt 12 (2007)
ISBN: 978-3901757518

Atsinganos. Die Oberwarter Roma und ihre Siedlungen.
Edition lex liszt 12 (2013)
ISBN: 978-3-990160046

Das Buchquartier – Eine Bühne für die Kleinen

Erstmals verwandeln sich die Räumlichkeiten der Arena21 im Wiener MuseumsQuartier zur Bühne für unabhängige und kleine Verlage. Bei freiem Eintritt wartet ein buntes Programm. Auch Oscar-Preisträger Michael Haneke lädt zur Signierstunde seines Buchs „Haneke über Haneke“.

Endlich ist es soweit. Erstmals findet das Buchquartier in Wien statt, eine länderübergreifende Buchmesse für in kleinen Verlagen erschienene Werke. In der Arena21 geben sich über 30 Aussteller aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ihr Stelldichein. Auf der Lesebühne finden Lesungen, Präsentationen, Diskussionen und Show statt. Eine bunte Bühne für etwas Einzigartiges. „Das Besondere am Buchquartier ist, dass dabei Verlage im Mittelpunkt stehen, die auf den großen Buchmessen oft nur am Rande wahrgenommen werden, weil dort die Verlage mit dem größten Budget die größten Ausstellungsflächen haben“, erklärt Geschäftsführer und Organisator Clemens Ettenauer und er ist überzeugt: „Kleine Verlage haben sich auf jeden Fall eine Plattform verdient, weil sie offen für ungewöhnliche Ideen sind und deshalb die interessanteren Bücher publizieren.“ Ähnlich sieht es Robert Sommer, Mitbegründer und Redakteur vom Augustin, der ersten und renommiertesten Österreichische Boulevardzeitung: „Das Besondere ist die politische Botschaft, dass die Kleinen konzertierte Aktionen brauchen, um nicht von den Großen zu einem historischen Ereignis gestempelt werden. Außerdem: Die Leserinnen und Leser guter Bücher und die SchreiberInnen und VerlegerInnen guter Bücher brauchen ihren Kirtag. Kirtage für Nichtlesende gibt es zuhauf.“
Bunt wie ein Kirtag gestaltet sich auch das Programm. Unter den ersten ist der Wiener Autor Harald Havas, der überdies als Gelegenheitszeichner, Vortragender, Moderator, Übersetzer, Ausstellungsmacher und Mitglied zur Vergabe des Max-und-Moritz-Preises auf dem Comic-Salon Erlangen unterwegs ist. Er stellt sein im Wiener Metroverlag erschienenes Buch „Der Mann, der den Neusiedlersee trocken legen wollte“ vor. Ein Sammelsurium von kuriosen Österreichern, seltsamen Querköpfen und verhaltensoriginellen Sonderlingen, das zum Staunen wie zum Schmunzeln einlädt. Der aus Tirol stammende Denkmalpfleger HR Dr. Andreas Lehne, Leiter der Abteilung für Inventarisation und Denkmalfroschung des Bundesdenkmalamtes in Wien, wirft in seiner Publikation „Wie kommt der Hirsch aufs Dach?“ einen bisher unbeachteten Blick auf das Wiener Stadtbild. Neben einem Ausflug in die Welt der Magie mit dem mehrfach prämierten niederösterreichischen Zauberkünstler Thomas Höschele alias Thommy Ten ist auch das Fremdsein ein Thema.
Der in Bludenz geborene Künstler Hasan Ali Ider, mit türkisch-kurdischen Wurzeln, liest aus seinem im Wiener PROverbis-Verlag erschienenen Debut-Roman „Djihad für Lila“, in dem er u.a. ungeschönten Rassenhass und die ausländerfeindlichen Botschaften im Wiener Wahlkampf thematisiert. Ein Gebiet, das auch die aus Oberösterreich kommende Autorin, bildende Künstlerin Beatrix Kramlovsky beschäftigt. „Die Erde trägt ein Kleid aus Worten“ ist im Europa Verlag erschienen und sie liest daraus. „Ich habe mich immer für Ausgrenzung interessiert, als ich dann von 1987 bis 1991 in Ostberlin lebte, wurde das Thema persönlich. Später habe ich in vielen Ländern und fremden Kulturen immer wieder zu diesem Thema gearbeitet, Erfahrungen gemacht und mit Einheimischen gesprochen. Heimat ist für mich nicht unbedingt ein geografischer Ort, sondern sind Menschen, die mir besonders vertraut sind“, so die Autorin. Für sie ist das Fremde nicht allein etwas exotisch Fernes: „Fremdheit gibt es auch rund um uns herum. Sich Fremdheit jedoch vertraut zu machen und sich dafür zu öffnen, heißt, sich mit den eigenen Vorurteilen auseinander zu setzen und viel zu lernen. Es ist immer ein Gewinn.“ Vom Buchquartier erhofft sie sich, dass damit „die Lesefaulheit der Österreicher“ bekämpft wird. Beim Schreiben sich selbst auf der Spur ist Ö1-Kulturredakteur Peter Zimmermann, der aus seinem im Berliner secession-Verlag herausgekommenen Roman „Stille“ liest. „Den Leser erwartet keine Anleitung, wie man sein Leben ruhiger gestalten kann. Die Stille ist ja eigentlich etwas Erschreckendes, weil ihr die vier Protagonisten völlig unvermutet ausgesetzt sind. Es geht zwar um die Sehnsucht, Gewohnheiten hinter sich zu lassen und das bisherige Leben von sich abzustreifen, es geht aber auch um die plötzliche Geworfenheit in die Einsamkeit. Und zwar unter Umständen, die man eigentlich nicht geplant hat. Plötzlich ist Stille, doch eine Erlösung ist das nicht.“
Das Sahnehäubchen ist der Besuch vom vielfach ausgezeichneten, international angesehenen Wiener Filmemacher Michael Haneke, der sein Buch „Haneke über Haneke“, im Berliner Alexander Verlag publiziert, signiert.
Wenn auch Batya Horn vom Wiener Kunstverlag Edition Splitter, der sehr viel Wert auf Ästhetik und Inhalt legt, etwas skeptisch ist – „Man darf nicht vergessen, dass ein Wochenende gewählt wurde, wo sich vielleicht viele einen Wochenendurlaub genehmigen“ – schätzt Erich Liaunigg, der mit seinem Wiener Verlag ebenfalls vertreten ist, die kommunikative Kernphilosphie der Veranstaltung: „Es ist eine Publikumsmesse. Nicht der Lizenzverkauf steht im Mittelpunkt, sondern der Leser, der unmittelbar mit den Autoren und Verlegern in Kontakt kommen kann.“
Und das bei freiem Eintritt.

„Es ist alles, nur kein Heimatroman!“

Mit Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam gelang der jungen niederösterreichischen Autorin Vea Kaiser auf Anhieb ein Erfolgshit. Neben Platz 1 in der ORF-Bestenliste und großer Begeisterung bei LeserInnen wie Presse, wird er ins Tschechische und Niederländische übersetzt, der Filmvertrag wurde unterschrieben und ein Hörbuch erscheint und . „The Gap“ – Das Magazin für Musik, Film, Games, Web & Creatives sagt ihr sogar das Talent eines Michael Köhlmeier nach. Die Geschichte um ein kleines Dorf in den Bergen, das auf skurrile und humorvolle Weise mit der Außenwelt in Kontakt kommt, hat voll eingeschlagen. Das Alpenmagazin hat die junge Schriftstellerin zum Gespräch über ihren Erstling und seine Hintergründe getroffen.

„Das ist wahnsinnig anstrengend, es ist einsam, es geht auf den Rücken, es geht auf die Gelenke, es ist mühsam“, sagt Vea Kaiser über das Schreiben. Es ist ihr „Transportmedium“ dafür, worum es ihr eigentlich geht: das Erzählen von Geschichten. Das unscheinbare, hip eingerichtete Kaffeeprovisorium, das juveniles Interieur, unkompliziert zusammengeschichtet, in eine baufällige Umwelt pflanzt, passt zu der Direktheit, dem skurril Ungeschönten, dem humorvoll Schillernden, der kompromisslosen Bodenständigkeit von Blasmusikpop. „Ich bin kein abstrakter Mensch, ich bin sehr konkret“, gesteht die Autorin und verwehrt sich gegen jede Anspielung, die Geschichte in bzw. um das abgeschiedene, auf keiner Karte verzeichnete, alpenländische Bergdorf St. Peter am Anger und seiner Bewohner sei ein Heimatroman: „Es ist alles nur kein Heimatroman! Die Merkmale des Heimatromans: das überbordende Beschreiben der Natur, die moralisierend idyllische Haltung sind ja nicht da. Zumindest habe ich sie noch nicht erkennen können. Man muss aufpassen, weil viele Menschen fälschlicher Weise das Setting Land, das Setting Dorf sofort mit Heimatroman gleichsetzen.“ Außerdem distanziert sich Kaiser vom politisch vereinnahmten sowie historisch negativ belasteten Heimatbegriff. Dass man gerade in Österreich dazu neigt, es als Österreicher-Roman wahrzunehmen widerspricht auch ihrer überregionalen Idee: „Es wird zu keinem Zeitpunkt erwähnt, dass das Dorf in Österreich liegt. Es liegt ja in den Sporzer Alpen. Für mich ist es hochfiktiv. In der ursprünglichen Fassung war das Dorf gar nicht einmal in den Bergen. Die Berge kamen erst als Metapher für die Abgeschiedenheit. Für mich war es nie im Leben ein Österreich-Roman.“
Das zu unterstreichen wählte sie als Familiennamen für ihre Figuren Berge, die in Bayern, in der Schweiz, in Österreich und in Südtirol liegen: „Das war ein Spiel, dass ich das auf verschiedenste Gegenden im alpinen Raum verstreuen wollte.“ Ein Indiz dafür, dass Kaiser nicht an das Konzept der regional gebundenen Heimat glaubt: „Meine Herkunft ist Niederösterreich aber meine Heimat ist die deutsche Sprache. Ich habe in Österreich, Deutschland und der Schweiz gelebt, ich bin in allen Ländern einmal im Monat unterwegs und fühle mich dort sehr wohl. Ich sehe Heimat als etwas lokal Verschiedenes.“ Ähnliches gilt für die Wahl der Sprache und des Dialekts in der direkten Rede: „Mich fasziniert die Variationslinguistik. Es gibt ein Schweizer Hochdeutsch, ein Österreichisches Hochdeutsch und ein Deutsches Hochdeutsch. Für mich war dann irgendwann klar: Ich bin österreichische Autorin und habe das Recht mein österreichisches Hochdeutsch zu verwenden. Das war für mich eine bewusste Entscheidung beim Schreiben“, erklärt sie zwischen umzugsbedingten Rückenschmerzen und Milchkaffee. „Was den Dialekt betrifft, er war mir wahnsinnig wichtig, weil es in dem Buch auch um Eingrenzung und Ausgrenzung in Gemeinschaften geht. Gerade der Johannes (Anm.: Protagonist) erlebt ja auch dadurch, dass er keinen Dialekt mehr spricht eine wahnsinnige Ausgrenzung. Es ist ja auch kein existierender Dialekt, den ich verwende. Es handelt sich um eine Mixtur, die linguistisch so nicht funktionieren würde, weil so viele Sachen zusammengemischt sind, um der Assoziation mit einem bestimmten Dialekt fern zu sein.“
Dennoch spielt für die Geschichte um Johannes A. Irrwein, Enkel des Bandwurmforschers Johannes Gerlitzen, der gegen die Engstirnigkeit und den unreflektierten Traditionssinn seiner Mitbewohner seit frühester Kindheit eine starke Abneigung hegt, die Auseinandersetzung mit der Herkunft eine Rolle: „Es geht ja im Roman auch darum, dass der Johannes lernt, seine Wurzeln zu akzeptieren. Wo man herkommt, das kann man zwar verleugnen aber nicht ändern. Jeder Ort der Welt hat seine positiven und negativen Aspekte. Es gibt nicht das pure Gute und nicht das pure Schlechte im Menschen, daran glaube ich nicht. Der Johannes dämonisiert ja dieses Dorf und sieht und erkennt, dass Erwachsenwerden bedeutet, auch die positiven Seiten zu akzeptieren.“ Sein Vehikel ist die Geschichtsschreibung im Dunstkreis eines Herodot. Was ihn treibt, über den Horizont des vom Bergkessel eingegrenzten Heimatdorfs zu blicken, ist seine wissenschaftliche Neugier nach dem Fremden: „Für das Dorf ist das Fremde das Bedrohliche, das was Angst macht, das was man nicht weiß, dort wo Gefahr lauert. Für den Johannes ist das Fremde das Anziehende, das Schöne, das Großartige. Ich glaube, dass es im Roman auch darum geht, die Seiten des anderen zu verstehen, zu akzeptieren und zu respektieren.“ Kaiser charakterisiert den Johannes als „Träumerfigur, die mit einem Fuß in der Traumwelt, mit der anderen in der Realität steht. Er hält sich ja für einen Wissenschaftler, weil für ihn die Wissenschaft dadurch definiert ist, Motivation und Hingabe zu haben. Wissenschaft schafft Wissen und ist eine Tätigkeit, die immer mit Scheitern behaftet ist. Insofern ist die Johannesfigur auch ein Spiel mit dem übertriebenen Selbsternst, die sich auch gerne im Umfeld von Wissenschaftlern findet, die sich allein durch das Verwenden einer gewissen Terminologie für wissenschaftlich halten.“ Eine karikierende Abrechnung einer Wissenschaft, der es mehr um die Form als um die Frage gehe: Wie erzeuge ich Inhalt? „Auch Johannes versucht, eine gewisse Form zu bewahren, um sich dahinter zu verstecken.“ Diese Formverliebtheit zeige sich auch darin, so die Autorin, dass wenn wir etwas in eine Form stecken, darin mehr Wert vermuten gleichwie hinter vorgestellten Titeln.
Die offenherzige besonnene Altgriechisch-Studentin mit klarem Geist und klarem Blick freut sich vor dem Hintergrund ihres Erfolges ganz besonders, dass sie „in den 21 Monaten im stillen Kämmerlein wirklich etwas geschaffen hat, das auch anderen Menschen eine Zukunft bringt. So etwas ist nicht planbar, nicht vorhersehbar und mit dem hat auch niemand gerechnet, nicht einmal ich in den größten Wunschträumen.“ Doch sogleich ist sie wieder auf dem Boden: „Man darf nicht vergessen, dass Literatur, dass Bücher auch Produkte sind. Das Schreiben eines Buches ist fast etwas Heiliges, etwas Magisches aber das Veröffentlichen und Promoten ist ein Business wie jedes andere.“

[Klaus Oberrauner, KulturToDate, April 2016]

Mit einem Brot-„Krümelchen“ nach Wien

Die Stuttgarter Kinderbuchautorin Bettina Lippenberger hat den Helden ihrer Kinderbuchreihe „Krümelchen“ in die fantastische Stadt an der Donau geschickt – Eigens für den Verein „Respekt für Dich – Autoren gegen Gewalt“ für die Hilfe für Gewaltopferkinder in den Autonomen Österreichischen Frauenhäusern.

„Wirkliche Freunde lassen einen nie im Stich“
„Inspiriert hat mich Karin Pfolz vom Karina-Verlag. Sie ist zugleich Vorsitzende im Verein Respekt für dich, der sich für die Opfer von Gewalt einsetzt. Auch ich bin seit einiger Zeit Autorin gegen Gewalt und war sehr glücklich, als sie mich bat, dieses Buch zugunsten der Kinder zu schreiben“, beschreibt Bettina Lippenberger die Anfänge des besonderen Bandes. Sie bleibt darin der Grundphilosophie ihrer „Krümelchen“-Geschichten treu, in denen es immer um das gemeinsame Erleben und den respektvollen Umgang miteinander geht: „Zusammen kann man alles schaffen. Egal, was was passiert: Wirkliche Freunde lassen einen nie im Stich.“ In diesem Sonderband, dessen gesamtes Autorenhonorar in die Kinder-Gewaltopferhilfe fließt, unternehmen „Krümelchen“ und seine Freunde eine Reise in die schöne österreichische Hauptstadt. Ein besonderes Detail des Wien-Abenteuers: „Da der Verein seinen Sitz in Wien hat, war es für mich von vorn herein klar, dass dieses Buch in Wien spielen sollte, mit Karin als eine der Figuren. Es erwartet die Kinder ein Kinobesuch, ein Schulbesuch mit spannender Wendung, die Auflösung eines Falls, der Besuch des Praters und eine Gartenparty.“ Es ist also für jeden etwas dabei.

„Was könnte so ein Krümel erleben?“
                                               Vor zwei Jahren wurde „Krümelchen“ geboren: Die Idee kam beim Brotschneiden. Beim Betrachten der Krümel auf dem Brett kam die Frage auf: „Was könnte so ein Krümel erleben?“ „Krümelchens“ Freunde sind „Flöckchen“ und „Fusselchen“. Eines Tages eingesaugt und im Inneren des Fangsacks herumgewirbelt, wollten sie dort nicht bleiben. Seither streifen sie durch Wälder, erkunden Städte, den Bodensee und reisen um die ganze Welt um zu entdecken, um zu erforschen und um Spaß zu haben. Auch Wien haben sie schon bereist und fanden es dort richtig schön: „Ich sah etwas in dieser Stadt, was mich in den Bann zog. Wien ist eine Fundgrube aus alten Traditionen, neuer Zeit und viel Flair. Nicht nur die Kaffeehäuser, sondern auch die Gebäude, der Prater und so vieles mehr haben mich staunen lassen. Auch die Uhren gehen in Wien anders. Gemütlich. Man nimmt sich Zeit, um zu leben. Zeit, um sich selbst zu finden. Sich auszuprobieren.“

Die Herausforderung: Ein Buch für junges Publikum.
„Morgen Vormittag könnten wir mit dem Fiaker durch die Innenstadt fahren. Das ist eine Pferdekutsche“, erklärte Karin, weil sie alle fragend anschauten.

Nicht nur in Wien gibt es viel Neues und Kurioses.              Bettina Lippenbergers liebevoller Umgang mit den Details der Figuren und ihrer Begegnungen ist bemerkenswert und kommt nicht von ungefähr. „Ich habe sehr viel Zeit genau in diese Erklärungen investiert. Schließlich ist es eine besondere Herausforderung, Dinge so zu erklären, dass es Fünfjährige verstehen, aber auch Achtjährige nicht sagen: Das ist langweilig.“ Außerdem möchte sie es spannend gestalten, denn Lesefreude zu wecken ist nicht leicht: „Was hilft ist, wenn die Eltern oder die Großeltern in einem Buch lesen. Manches Kind fragt dann: Was liest du da? So wird das Interesse geweckt.“
Das Buch ist nicht nur mit bunten Illustrationen ausgestattet: In jedem Kapitel finden sich Bilder zum Ausmalen, um die Kinder zusätzlich kreativ anzuregen.

Schließlich liegt die Zukunft der Kultur auch in der Jugend und wenn man in der Kultur spart, dann „könnte es sein, dass man immer öfter vor kleinen Theatern, Kinos, Buchläden steht, in denen nichts anderes mehr ist als Leere, Staub und Spinnweben.“
Die Herzlichkeit, die Bettina Lippenberger in ihre Bücher legt, bereichert die Qualität aktueller geistreich gestalteter Kinderbücher.

[Klaus Oberrauner, KulturToDate, April 2016]