Filmnotiz: Birdman (2014)

Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit steht auf meiner Einladung zur Filmpremiere. Verwirrend. Neugierweckend. Ein eher schlichtes Plakat mit einer Gestalt in schwarzer Vogelmaske auf rotem Hintergrund lässt an westernbekannte Bilder von edlen Indianerkriegern oder praktizierende Medizinmännern erinnern. Tatsächlich meint es einen Helden. Auch einen aus vergangenen Tagen. Einen von dem man glaubt, dass er unsterblich ist, alles Übel besiegen kann – und vor allem eines: fliegen. 

Wir schauen einem Mann in Unterhosen auf den Rücken, der im Schneideritz über dem Boden schwebt. Zugegeben, zunächst befremdlich. Aber mit diesem Anfang schauen wir bereits das Alter Ego eines Menschen, das ihn in seinen Klauen hält wie ein Aasgeier seine Beute. Riggan Thomson (Michael Keaton) war in seiner Rolle als Birdman einer der beliebtesten Superhelden der Kinoleinwand. In seinem fortgeschrittenen Alter scheint es wie eine Midlife Crisis, dass er sich von dieser Figur emanzipieren, sich lossagen und neu erfinden möchte. Sich und dem Publikum beweisen, dass er mehr kann als ein omnipotenter Bösewichtbekämpfer.  Diesmal allerdings auf dem gnadenlosen Broadway-Theaterboden. Eine bemerkenswerte Kameraführung, die bis kurz vor Ende des Streifens ohne einen einzigen Schnitt auskommt und eine Art Echtzeitvoyeurismus erzeugt, hervorragende Darsteller und ein spartanisch akustischer Rahmen in erdigen Rhythmen eines Schlagzeugs ziehen hinein in dieser Welt auf der Suche nach dem Ich und nach dem Erfolg.

Ich war erstaunt darüber, diesen Film als „Komödie“ tituliert zu sehen, der sehr große Ähnlichkeiten mit der grauschattierten, teils skurrilen Darstellung brüchiger Menschenschicksale des Österreichischen Films hat. Er geht auch in diese Bruchstücke menschlichen Scheiterns hinein, überhöht sie und zeigt sie auf unterschiedlichen Ebenen – so mit der trügerischen Wahrnehmung im Verschwimmen von Phantasie und Realität. Mit dabei: das Brechen der Macht nonchalanter, unerbittlicher Theaterkritik. Schön, dass auch solche Mischungen Oscars gewinnen und zum Nachdenken anregen.

 

 

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Filmnotiz: Birdman (2014)

    1. Es ist, wie du sagst, mehrdeutig. Und interessant! Es ist wie ein Vexierbild. Ich finde es schön, dass der Film diese Möglichkeiten lässt und damit das Geschehene nicht vergebens macht. Es könnte etwa ein Sieg des Alter Ego sein. Sprich, dass alles was bleibt Birdman ist. Andererseits könnte es ein Sieg über das Alter Ego sein – in dem Sinne, dass es endlich überwunden wurde. Ein Sieg über sich selbst. Ein gelungenes Überwinden. Vor allem, wenn man davon ausgeht, dass der Erfolg das drastische Durchbrechen künstlerischer wie persönlicher Grenzen reflektiert. In jedem Fall, was immer es ist: Das Ende mit Doppelpunkt, Gedankenstrich oder Fragezeichen ist ein schönes Bild mit einer vielfältigen Botschaft und einem Ausblick, der die Beklemmung nicht ganz so laut macht.

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