Monat: Mai 2016

Dank Bill

Montag. Es herbstelt über die Donau herauf und ich entscheide mich sicherheitshalber doch für die regenfeste Jacke. Über dem Jazzland trübt’s sich ein. Hofpflaster und Himmel Ton in Ton. Ich stehe unter rostrotem Laub. Am Boden tanzt es wild wie zu unhörbaren Dreivierteln. Eine Fünfzigerjahretür mit Messinggriff schaut herunter auf die Wartenden. Eine Stunde früher sind sie da. Und immer mehr werden’s. Jung und Alt. Figuren, deren Garderobe sich seit Jahrzehnten nicht verändert hat. Eine Dame, ob Zufall oder nicht, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit Ruth Stephan hat. Das Nieseln aus der angegrauten Decke macht mir nichts aus. Zwei betagtere Damen drängeln sich mit lächelnder Selbstverständlichkeit vor. Keine Minute früher beginnt die Zeitreise.

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Foto: Klaus Oberrauner

Es geht hinab. Unter einem Backsteingewölbe tut sich etwas auf, das vom Draußen und Heute nichts weiß. Selbst mein Handy hat kein Netz mehr. An einem Tisch hinter mir fliegen die Tarock. Eine Höhle, in der alles nah ist. Die Menschen, die Musiker, die Musik. Wie ein Reagenzglas für den verrauchten, ewigjungen Klang. Eine Dame sticht mit dem Mond. „So voll war das Jazzland auch noch nie.“ Eine Anerkennung zwischen Schinkenfleckerl und Schmalzbrot.

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Foto: Klaus Oberrauner

 

Eine Gitarre, ein Klavier, ein Schlagzeug, ein Kontrabass, eine Mundharmonika und ein Vibraphon machen den Anfang. Alle spüren, dass sich das Warten lohnt. Aus der Seitennische kommt zuerst sein Schatten. Erster Applaus keimt auf. Lachsfarbenes Sakko unter schlohweißem Haar und schlohweißem Bart. Er ist reif geworden der Fernsehliebling Vieler. Mit einem breiten Lächeln bemüht er seine fünfundachtzig Jahre. „Nur gut, dass die Arthrose nicht auf die Stimmbänder schlägt.“ Aus seinen vitalen Augen und seiner humorvollen Mimik sprüht’s. Rau und kraftvoll schmiegt sich sein unverkennbares Timbre um den Hootchie Cootchie Man, mit dem er uns in seinen Abend hineinlässt. Über Fly my to the moonSophisticated Lady – „eine wundervolle Ballade von Duke Ellington“, wie er ehrfürchtig moderiert, singt er von The Days of Wine and Roses oder besucht mit uns, auf lockende Weise, The Girl of Ipanema. Selbst die Gewölbesteine swingen in den Fugen. Kein Bein, kein Kopf, keine Hand, kein Herz bleibt von diesen vertrauten Klängen unberührt. Auch Bill taucht ein. Lebt mit. So wie er im Publikum ist, ohne Anflug von Allüren, genauso wird er eins mit dem Leisen, dem Schleichenden, dem Melancholischen wenn er die Augen schließt und sich fügt. Wenn seine Stimme auch weich wird. Kaum, dass die ersten Takte von der Mimi losgehen, ist er wieder ganz der Entertainer. Die Sechziger sind hellwach. Die Leute singen mit. Egal ob falsch aber mit Inbrunst. Nichts hält sie auf den Sitzen. Eine aufrichtige Hommage für einen der letzten Großen seiner Zunft. Er macht neugierig auf seine neues Album My Words (85th Anniversary Edition)zu dem er die Lyrics und einiges an Musik geschrieben hat, und aus dem er selbstironisch – „manche Leute glauben, es sei autobiographisch“ – die Nummer Fat Man gibt. Ein Bekannter, den ich zufällig zwischen den Stühlen antreffe, verrät mir, dass Bill seine Auftritte bis weit über seinen 100. Geburtstag geplant hat. Ich muss schmunzeln. Ein Mann, dem ich schon als Kind vor dem Fernseher begegnet bin, mit Visionen. Und auch mein Herz geht auf. Ein unvergesslicher Abend. Hautnah. Ich nehme seine Hand. Dank Bill. Ramsey! 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Filmnotiz: Birdman (2014)

Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit steht auf meiner Einladung zur Filmpremiere. Verwirrend. Neugierweckend. Ein eher schlichtes Plakat mit einer Gestalt in schwarzer Vogelmaske auf rotem Hintergrund lässt an westernbekannte Bilder von edlen Indianerkriegern oder praktizierende Medizinmännern erinnern. Tatsächlich meint es einen Helden. Auch einen aus vergangenen Tagen. Einen von dem man glaubt, dass er unsterblich ist, alles Übel besiegen kann – und vor allem eines: fliegen. 

Wir schauen einem Mann in Unterhosen auf den Rücken, der im Schneideritz über dem Boden schwebt. Zugegeben, zunächst befremdlich. Aber mit diesem Anfang schauen wir bereits das Alter Ego eines Menschen, das ihn in seinen Klauen hält wie ein Aasgeier seine Beute. Riggan Thomson (Michael Keaton) war in seiner Rolle als Birdman einer der beliebtesten Superhelden der Kinoleinwand. In seinem fortgeschrittenen Alter scheint es wie eine Midlife Crisis, dass er sich von dieser Figur emanzipieren, sich lossagen und neu erfinden möchte. Sich und dem Publikum beweisen, dass er mehr kann als ein omnipotenter Bösewichtbekämpfer.  Diesmal allerdings auf dem gnadenlosen Broadway-Theaterboden. Eine bemerkenswerte Kameraführung, die bis kurz vor Ende des Streifens ohne einen einzigen Schnitt auskommt und eine Art Echtzeitvoyeurismus erzeugt, hervorragende Darsteller und ein spartanisch akustischer Rahmen in erdigen Rhythmen eines Schlagzeugs ziehen hinein in dieser Welt auf der Suche nach dem Ich und nach dem Erfolg.

Ich war erstaunt darüber, diesen Film als „Komödie“ tituliert zu sehen, der sehr große Ähnlichkeiten mit der grauschattierten, teils skurrilen Darstellung brüchiger Menschenschicksale des Österreichischen Films hat. Er geht auch in diese Bruchstücke menschlichen Scheiterns hinein, überhöht sie und zeigt sie auf unterschiedlichen Ebenen – so mit der trügerischen Wahrnehmung im Verschwimmen von Phantasie und Realität. Mit dabei: das Brechen der Macht nonchalanter, unerbittlicher Theaterkritik. Schön, dass auch solche Mischungen Oscars gewinnen und zum Nachdenken anregen.

 

 

 

 

 

 

Filmnotiz: „La Grande Bellezza“ oder der schönste Schein (2013)

Man fragt sich erst: Wo ist man da hineingeraten? Später erkennt man, dass es das Leben selbst ist – in seinem menschlich konstruierten, skurrilen Panoptikum. Wie schwer verdaulich doch die vom Schein gekochte Oberflächlichkeit ist, die eine Schönheit sein will. Für diese Fassade eignet sich nichts trefflicher zur Kulisse als die ewige Stadt, von der man zuerst auch nur das alte Gesicht sieht. Das mehrfach ausgezeichnete Schauspiel gibt sich als metaphorisches Bilderbuch, das augenzwinkernd wie schonungslos – den Tiber entlangpfeifend, das Kolosseum vor dem Fenster – voranschreitet, einen Spiegel im Nacken, der tief in das hineinleuchtet, was heutzutage die Gesellschaft nicht wahrhaben könnte – so sehr wie sie auf ihr schönes Funktionieren bedacht ist. Ein Sehenswertes Filmerlebnis, das seine tiefe Philosophie zwischen Handlung, Sinn und technischer Umsetzung überträgt. Aufgeladen und nachdenklich zugleich – so hat mich seine Botschaft voll getroffen. Und ich suche weiter. Nach der großen Schönheit meines Lebens.

[Klaus Oberrauner, KulturToDate, Mai 2016]