Monat: April 2016

„Wer Kunst aushungert, erstickt kritische Stimmen“

Martin Mittersteiner ist Mitbegründer des Vereins „Special Symbiosis“, liebt in Wien die „Genusskultur“ und ärgert sich über Einsparungen im Bereich von Kunst und Kultur. Ein Portrait.

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„Ehemals“

Kurzgeschichte von Klaus Oberrauner auf Illustrationen von Lorenz Bögle. Das Motto: Die interaktions Bilder-Geschichte.

„Das Unterfangen startete mit dem Gedanken, nach Entstehen einer Reihe von Zeichnungen während eines Irlandaufenthaltes, diese doch mit einer Geschichte zu bespielen. Ich stellte sie zur Inspiration aus. So geriet ich über einen Freund und dessen Bekannten an Klaus Oberrauner, der sich voller Freude mit diesem wunderbaren Ergebnis dieser Idee annahm. Dieser interdisziplinäre Brückenschlag ist der erfreuliche Anfang für fruchtbare Weitere. Hier, auf diesem Blog, heißt es Art Connected.“ [Lorenz Bögle]

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

Ehemals.

Prolog.

Wie sich schleicht die Klage
an das kecke Gold,
als hätt‘ die üble Sage,
ins Dunkle heimgewollt.

Sachte um die Hände,
die hoffen allemal,
schwänzelt sie um die Wände,
durchhaucht ganz leis‘ den Saal.

Gleich dem Dieb, als Freundin,
die Schattenfarb‘ sich sucht,
spitzt sie gegen den Feind hin,
und seine drohend‘ Glut.

Sein Haupt ist flink und wendig,
sein Atem höllisch warm,
die Stimme schön elendig,
der Augen schöner Schwarm.

Sie macht die Finger zittern,
die um Güte rittern,
und bei diesem Ringen,
bebend Leeres singen.

Stein um Stein entschwebt sie,
des Schlundes Höh‘ empor,
und Stille ward und Hoffnung,
wie Morgenrot zuvor.

* * *

Gnadenlos war die Nacht am Dreizehnten des Novembers 1538. Sie schluckte alles, was gut und böse und jenseits davon war und schickte ihren kalten Unmut darüber durch die alten Gassen. Schwerer Regen umschleierte die Dächer als trachtete er danach ohngemein beschämte Gesichter verbergen zu wollen. Tief unter dem festen Schritt des Hellebardiers, dessen kleines Licht sehr einsam der Unheimlichkeit widerstand, tanzten die Schatten eines wärmenden Feuers an den Wänden eines prachtvollen Gewölbes. Die Fackeln an den Säulen, die in hohen runden Bögen aus nacktem, felsigen Stein auswuchsen, bebten wie lodernde Schwerter des Eosphóros. Dazwischen, wie aus dem Erdreich emporgewachsen, ein marmorner Altar unter den Augen einer entschwebten Pietà. Ihr schickte eine in rotes Tuch gehüllte Gestalt auf demütigen Knien ihr leises Flehen. „Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus, nunc et in hora mortis nostrae.“ Und sie schaute herunter, die Maria, als hätte sie trotz allem kein Erbarmen. „Hier beweinst du den Leichnam deines Sohnes, doch in meinem Elend bleibe ich für mich allein.“ Ein leises Räuspern vertrieb die Gewissheit, ungehört zu sein. „Ich habe mir schon gedacht, dass ich Euch hier finde, Baroness.“ Baroness – erstaunlich wie aufrichtig dies aus seinem Munde kam. Als wäre alles rechtens. Als machte keine Vergangenheit das Hier und Itzo.

Elendiges Spelunkengeklapper! Der Betagte, der verlautete, Kutscher in Diensten des Pastelgroßhändlers Bernuy gewesen zu sein, goss sich in ihrem Traume derart gierig den Wein hinein, dass dieser ihm am langen verfilzen Barte heruntertropfte.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

Es war zu jener Stunde, da er sich beinah täglich in den Wust der Ausgelassenheit begab. Alsbald schon hatte sie sein herausforderndes Geschau bemerkt. Als könnte einer, der aus dem Schlaraffenland kam, je ein Gefühl von Hunger haben. Zumindest flog es von leichten Zungen, dass er aus dem ringsum also genannten Süden vor der Stadt käme. „Dette, Dette, nur zu ihm! Er möchte deine Gesellschaft!“ Ein großväterlicher Lüstling, vor dem es ihr ekelte. „Na, geh schon Dirne! Das sieht doch eine blinde Kuh!“ Der Wirt duldete kein Ungehorsam. Seine rotaufgeblasenen Wangen zeugten von ewig herumgetragenem Grimm. Als der Kutscher sie kommen sah, hindurch durch tanzendes, grölendes und gieriges Volk, verfiel er in ein kindliches Lachen, das sein Augenweiß glasig machte. „Kommt, setzt Euch doch, Baroness!“ prustete er darauf los. Leicht lässt man sich veralbern. „Aber mitnichten, mein Kind. Mitnichten.“ Und er drückte seine verbrauchte, ledrige Hand in ihr weiches, weibliches Fleisch. „Ich bin doch kein Grobian.“ Er kicherte verstohlen. Dann erfuhr sie es. Sie soll ihr bis aufs Haar gleichen, der Edelfrau, die in seinem alten Gespann durch die Stadt fuhr, um Bernuy zu besuchen. „Bis auf die Nasenspitze. Wie ein Ei dem anderen. So gleich.“ Eine geheimnisvolle Baroness, von der man nicht viel mehr wusste, als dass sie sich, früh verwitwet, in einem Château irgendwo abwärts der Garonne zurückgezogen hatte, um von dort gönnerhaft zu sein, ihrer Vorliebe für edelblaue Gewänder nachzukommen und zu beten für die ihre und für andere arme Seelen. „Kein schöner’s Bleu gibt’s als hier“ nickte der Kutscher und soff auf das Wohlleben und die Anmut der Baroness an seiner Seite. „Ja, Baroness sagen sie. Baroness. Ich habe es vernommen mit eigenem Ohr.“ Unumschweiflich, sie musste ihn sehen, ihren Zwilling. „Unglaublich!“, rief sie. „Unglaublich sie alter Schwindler.“ Sie kniff ihn in die Nase. „Oh nein, Liebste. Ich glaube, ihr wollt mich verwirren.“ Sie befriedigte ihn mit dem Trost des Betrunkenseins.

Sie faltete die Hände so fest, dass sie ihre Knochen spürte. Schwere Stiefel näherten sich, die den Sand über den Stein schleiften. „Ihr betet zu Teufelszeug!“
„Wie schön, dass Ihr Euch an ihn hält.“ „Nicht umsonst zitierte die Heilige Inqusition diesen provençalischen Seher vor ihr Gericht.“ Allmählich lösten sich ihre Finger von der Kälte des Altars und nach dreimaligem Bekreuzigen erhob sie sich mit Bedacht.
„Das bedeutet nichts weiter, als dass sie den Michel de Nostredrame fürchten.“
„Aber natürlich, weil er ein Verrückter ist.“
Nun war es ihr, ihm ins Gesicht zu schauen und seinen Blick einzufrieren:
„Weil er Ideen hat!“
„Gespinste sind’s, die alle Reformer treiben!“
„Also habe ich meinen Verstand verloren.“
„Ihr scherzt, Maman.“
Oja, sie scherzte und wie sie scherzte. Wie die trockene, raue Haut des Fuhrwerkers auf der ihren, dass ihr die Gänsehaut über den Rücken kam. Sein hohles Pfrusten in den Ohren.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

Dieses wunderbare Blau. Es erinnerte sie an die Unendlichkeit wolkenloser Frühlingshimmel. Sie sind wohl auch daraus gemacht, erspürte sie. Auf ihr lächelndes Nicken hin wies ihr selbsternannter ehrerbietigster Diener, der brave Bernuy, an, den Ciel in die Truhe zu packen. Gerne blieb sie zum Essen, auch wenn der vielen Worte nicht ihres war. In der Küche hatte der Hausherr keine Stümper. Magret de Canard und Veilchenlikör – sterben könnte sie dafür. Läge sie nicht im Wiesengrün der Lautenklänge einem frechen und scheuen Wildhasen gegenüber, sie hätte vermeint, es wäre der Herr, der mit ihrer Frömmigkeit spielte. Neugierig schlich er sich wieder heran durch die tarnenden Halme, stellte die Löffel auf und schnupperte treuherzigen Auges. Sie erhob ihren Becher und flugs kehrte er ihr den Rücken mit dem schneeweißen Stummel. Behände trugen ihn seine langen Läufe in das Dickicht fort. Nein, dir komm ich nicht hinterher! Geblieben war der Geschmack unschuldiger, violetter Blumen. Im Morgenrot war es Zeit zu fahren. Ein kurzes Gebet noch vor der Reise, während die Lakaien den Wagen beluden. Im Morgenrot, da la ville rose ihre wahre Schönheit auftat.
Irgendwann würde sie nicht mehr alleine ihrer Wege ziehen. Irgendwann nicht mehr. Und irgendwann würde ihre Sprache mehr sein als gottgewandtes Seufzen.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

Immerzu zur gleichen Zeit. Fürwahr. Beim fernen Frühgeläut stand das edle Gespann. Hinter der Mauer lauerte sie, die Dette. Der Alte hatte rechtbehalten. Ihr Herz bebte unstet. Wie anders wurde ihr, als sie sich hinter dem goldverzierten Gehänge herausschauen sah. Am Bocke war kein Kutscher. „Dort ist sie, Baroness“, schnäkte die Ratte in ihrem Rücken Schadenfreude. „Das andere Ei.“ Die Brut des Unaussprechlichen. Sie nahm ihr die Kraft aus allen Gliedern und schwächte jede Wut. „Wessenthalben er mich nur erwählt hat?“ Alle Gedanken stahl er ihr. Alle guten und alle bösen. Nichts war als die Glocken, das ferne Nicken und das „Allez!, Allez!, Allez!“

„Etwas mehr Benimm, Junge! Treibt kein Spiel. Unverschämten ist das Glück nicht hold.“
„Ich erkenne Euch nicht. Wahrlich, ich erkenne Euch nicht wieder.“
„Ist das so?“
„In Momenten habe ich das Verlangen, Euch zu fragen, wer Ihr seid.“
„Eure Baroness?“
„So verändert seid Ihr mir. So fremd, ich kann gar nicht sagen wie.“
„Sagt es!“
„Es ist wie Scheinheiligkeit.“
„So schickt Euch und lasst mir meinen Frieden!“
Grob war ihre Hand und finster ihre Miene wie die herrschende Nacht.

Ach, wie verleideten ihr Abschiede alles. Im Grunde mochte sie Bernuy, mehr als sie derzeiten zuzugeben gewillt war. Angst machte es ihr, dass er die Gefühle zu ihrem Toten zu übermalen begann wie ein Artiste seine graue Mauer, Strich für Strich. Aus einer von Pflanzen ausgepressten Farbe, die ein bisschen giftig roch. Und sie die Mauer war, die sich dagegen stellte und ständig nachgraute. Über die saftige Wiese lief sie und pflückte die Veilchen. Plötzlich verdunkelte sich die Sonne zu einem patzigen Klumpen Pech. Wer machte ihr Schatten? Furchtsam erstarrte sie im Angesichte ihres Ebenbildes, das mit keilerartiger Wildheit den Spieß auf sie richtete. Kreideerbleicht hob sie die zitternden Blumen gegen die erboste Macht. Wer spielt ihr diesen üblen Streich. Nichts wie Erbarmen! Erbarmen, oh Himmel! Ihr Herz schmerzte, aber nur kurz. Als sie sich wieder fasste, lachte die Sonne wieder und alles war wieder gut. Sie sammelte die Blumen ein und roch daran. Die Veilchen. Dafür könnte sie sterben. Sie roch noch einmal und sie war befriedigt, bis sie von Weitem einen Hasen hoppeln sah.

„Ich hasse Euch“, sagte sie den stummen Wänden. „Oja, ich hasse Euch!“, rief sie den sich entfernten schleifenden Schritten nach. „Ich hasse, Ich hasse, Ich hasse, Ich hasse!“ Sie schlug gegen die Säule bis das Blut aus ihren Händen tropfte. „Ich hasse die Baroness!“ Sie, das größte aller Gespinste. Was hatte sie nur in ihrem ewig verdammten Leben verloren?

Vor ihr saß sie mit weit aufgerissenen Augen und einem schalkhaften Lächeln um die üppig geröteten Lippen. Wie leicht das Messer in sie hineinging. Immer tiefer, immer tiefer und wie es gierig schmatzte. Keinen Laut hatte sie gemacht. Kein Ruf, kein Schrei, kein Schluchzen. Dette ist tot, es lebe die Baroness!

Genug hatte sie vom Glauben. Nichts wie hinauf in die stürmische Nacht. Dort traf sie ein halber, trauriger Blick des Sohnes ehe er auf sein Pferd gestiegen und in die blinde Hölle hinausgeritten. Elendig! Sie hielt sich ihr Tuch über das Haupt gegen den stürmischen Regen. Lautlos und unsichtbar wurde sie und verschwand über eine schmale Treppe in einer abgelegenen Gasse. Ihr Klopfen an das knarzende Holz ward bald gehört. Drinnen nahm ihr ein Heros von einem Mann das triefende Rot von den Haaren. „Ich bin überrascht, Baronesse!“, näselte er. „Ganz in edlem Blau, wie du siehst.“ Der Schmied nahm seine ledrige Schürze ab und warf sie auf die Erde. Seine Augen glänzten.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

Ein wilder Hase kam auf sie zu. Zunächst scheu und neugierig zugleich. Herrlich groß war er und wie schön anzuschauen. In seinen Kullern spiegelte sich die Sonne. Vorsichtig streckte sie die Hand aus. Im Anfang war ein Schnuppern. Zögerlich kam er in ihren Schoß und sie begannen sich zu liebkosen. Sie spürte sein Herz unter dem warmen Fell. Und dann lagen sie, Seit an Seit in der großen großen Wiese. „Ich liebe dich“, sagte der Hase. „Ich liebe dich auch“, erwiderte sie, als wäre es kein Wunder mit dem Mümmelmann zu parlieren. „Ich hoffe, du läufst mir jetzt nie wieder davon.“
„Nie wieder“, versprach der Hase.

Epilog

Nur wenige Kerzen schwächten die Düsternis unter den hohen Bögen. Mit einem kleinen Lied lässt sich alles vertreiben, so hat sie erfahren. Schnell verhallte es in den unheimlichen Winkeln. Mörder, wo bist du? Dieb, was suchst du? Ihre Hände falteten sich auf der Bank und weiter sang sie eine Melodie, die sie im Schlaraffenland gehört hatte. Eine Melodie des Lebens, so lange bis sie davon aufgeladen war. Da war doch ein Schatten? Zu schnell ist er gewandert, um ihre Sinne zu täuschen. Drückend war die Leere. Schwer war die Stille. Sie horchte ins Nichts.
„Baroness, erschreckt nicht. Ihr hier?“
„Bonsoir, Herr Pfarrer.“
„Was sucht Ihr? Womit kann ich dienen zu dieser Stunde?“
„Eine Antwort auf die Frage, wer ich bin.“
Schweigen.
„Kein Schweigen, Herr Pfarrer, gibt mir Antwort.“
„Ich fürchte, ich verstehe nicht?“
„Erzählen Sie mir alles.“
Und alles hörte sie sich an. Durch Tränen sah sie alles.
Wie sie leblos in dem Weidenkorb lag auf der Treppe zur Spelunke und wie sie das Messer ins Schwesterherz bohrte geliebt von Hass und Angst.
Ehemals.

Während die Sonne die Nacht in die Knie zwang und die Stadt in ihr schönstes Rosarot tauchte.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

[copyright: Klaus Oberauner & Lorenz Bögle, ArtConnected, April 2016]

Cuchina: Gute Küche aus Leidenschaft und Respekt

Bewusst zu kochen mit köstlichem Ergebnis, ist eine schöne Art kreativ zu sein. Alexandra Gaggl setzt dies in ihrem vegetarischen Restaurant „cuchina-Die Lebensküche“ in der Wiener Leopoldstadt buchstäblich um. Mit einzigartigen Gaumenabenteuern auf dem Weg zum echten Geschmack.

Kulinarischer Begegnungsraum
Unweit vom Schwedenplatz befindet sich ein kulinarisches Kleinod. „cuchina-Die Lebensküche“ klingt nicht nur vielversprechend. Sofort empfängt das Offenherzige und Familiäre. Es ist Koch- und Kommunikationsraum. Ein Ort der Begegnung, des Austausches und der Entschleunigung. Das ist gut, denn zum Essen braucht man Zeit. „Es ist ein Ruhepool – Raus aus dem ganzen Chaos“. Alexandra Gaggl lächelt. „Nachdem alles offen ist, sieht der Gast, was du tust und er kann dich auch direkt auf alles ansprechen. Man hat hat viel mehr Interaktion.“ Die junge, ambitionierte Chefin bereitet das Gemüse für das heutige Menü vor. „Heute gibt’s Gerstleintopf mit Wurzelgemüse und Kräuterpesto, Karotten-Ingwer-Suppe mit Mandeln und Rosinen.“ Überhaupt gibt es immer etwas anderes. Die Küche ist sehr abwechslungsreich. „Ich bin immer sehr spontan und am Experimentieren.“ Der Name „cuchina“ ist aus einem Wortspiel entstanden, das die beiden wesentlichen Komponenten Küche und Traditionelle Chinesische Medizin miteinander verbinden soll.

Die Elementeküche
Alexandra Gaggl hat sich mit der Ernährung nach der Traditionellen Chinesischen Medizin befasst. „Das Spezielle daran ist, dass jedem Nahrungsmittel eine bestimmte Wirkung auf den Körper zugeschrieben wird. Von der thermischen Wirkweise her: ob es den Körper kühlt oder erwärmt. Sie strebt eine Ausgewogenheit an.“ Eine besondere Rolle spielt dabei die Berücksichtigung der fünf Elemente, wobei jedem ein Geschmack zugeordnet wird. „Erde ist alles, was süß ist: Alle Wurzelgemüse, Getreidesachen gehören dazu. Metall sind alle scharfen Dinge: Die meisten Gewürze fallen da hinein, Zwiebel, Kren, Rettich, Ingwer, Chili. Wasser ist zum Beispiel Salz oder alles, das aus dem Wasserelement kommt: Algen, Fische, Teile von Hülsenfrüchten. Feuer ist alles bittere: etwa Radicchio oder Rucola. Holz repräsentiert in der traditionellen chinesischen Medizin den Frühling und entspricht Grün-Saurem wie Essig oder Zitrone.“ Bei der Zusammensetzung ihrer Menüs achtet sie darauf, alle Elemente drinnen zu haben.

Frische Produkte
„Mir ist es wichtig, mit frischen Produkten zu arbeiten, es weitestgehend regional und saisonal zu halten“, betont Gaggl. Gute Küche hat für sie sehr viel mit Leidenschaft und Respekt zu tun. „Leidenschaft für seine Arbeit und Respekt für das Grundprodukt, das man verwendet.“ Sie möchte auf dieser Ebene Ehrlichkeit und Authentizität gewährleisten können. „Ich versuche die Prinzipien umzusetzen, die meine sind. Es geht um Frische, Qualität und Selbstgemachtes. Nur das ist drinnen, was drauf steht – ohne Zusätze.“ Neben eigenproduzierten Marmeladen, Chutneys oder Pestos ist Gaggl gerne in der Backstube unterwegs. Auch einen ganz speziellen Kaffee kann man in der cuchina genießen. Direkt gehandelt, speziell geröstet und so schmeckend wie Kaffee schmecken darf. „Von der Kaffeekirsche, die am Baum hängt, die wirklich schonend geerntet und aufbereitet wird. Die dunklen Industrieröstungen sind da etwas ganz anderes. Sie schmecken sonst nichts außer bitter und verdecken die Vielfalt des Aromas.“

Inspiration aus Nord und Ost
Extrem inspirierend findet Gaggl die nordische Küche, die „Geschmack“ zum Ziel hat: „Alle Produkte sollen nach dem schmecken, was sie sind. Wenn eine Karotte eine Karotte ist, soll und darf sie auch nach Karotte schmecken. Ohne fünfzig Zusätze, damit es dann nach irgendwas schmeckt.“ Ähnliches findet sie in Japan. „Beim Sushi schmeckt man, dass der Reis nach Reis und der Fisch nach Fisch schmeckt.“ Um dies umsetzen zu können, braucht es „spitzen Ausgangsprodukte“, ist Gaggl überzeugt. Doch das Gute liegt auch nah: „Viele Ideen kommen während dem Tun oder wenn man in der Hauptsaison auf den Markt geht und schaut, was es alles gibt.“ Und die Liebe zu ihrem Tun lädt herzlich dazu ein, den Gaumen natürlich zu inspirieren.

Es gibt immer wieder Kochkurse zu verschiedenen Themen.
Alexandra Gaggls Rezept-Tipp für einen Kärntner Reindling:

Germteig:
500 gr Weizenmehl T480
1/2 Würfel frische Hefe
100 gr weiche Butter
1/4 L Milch (32 Grad Celsius)
1 Ei
1 Dotter
50 gr Feinkristallzucker
7 gr Salz

Fülle:
50 gr geschmolzene Butter
100 gr Feinkristallzucker
2 EL Zimt gemahlen
100 gr Rosinen

Die trockenen Zutaten in den Rührkessel der Küchenmaschine einwiegen und mit einem Teigspatel gut vermischen.
Die Germ darüber bröseln. Die Milch, die Eier und die Butter zugeben und mit dem Knethaken in der Küchenmaschine 3 Minuten langsam und 7 min intensiver kneten. Anschliessend zugedeckt 30 min ruhen lassen.

Für die Fülle die Butter zerlassen und die Rosinen 10 min in heissem Wasser ziehen lassen und anschliessend abseihen.
Den Zucker mit dem Zimt vermischen.

Den Germteig 1 cm dick ausrollen. Mit der zerlassenen Butter bestreichen, mit Zucker-Zimt-Mischung und den Rosinen bestreuen. Den Germteig eng einrollen und schneckenförmig in eine gut bebutterte Reindlingform legen. In der Form zugedeckt nochmals 20 Minuten ruhen lassen. Vor dem backen mit flüssiger Butter bestreichen. Bei 180 Grad Celsius Heissluft 50-60 min backen.

„Mich würde es freuen, wenn die Leute mehr mit Sprache spielen“

Der junge, besonnene Wiener Sprachkünstler Robin Reithmayr alias „Mriri“ im Gespräch über sein Schaffen, Poetry Slam und das vielseitige Phänomen „Sprache“.

Woher kommt Dein Bedürfnis zum Schreiben?
Robin Reithmayr: „Das Bedürfnis, das ich am Anfang gehabt habe, das war einfach etwas sehr Therapeutisches. Ich habe angefangen im Herzschmerz zu schreiben. Ich schreibe natürlich auch wegen der Anerkennung. Ich glaube, dass kein Mensch, der irgendetwas mit Kunst macht, sagen kann, dass er nicht geil darauf wäre, Anerkennung zu kriegen. Nach wie vor ist es Therapie. Je schlechter es mir geht, desto mehr schreibe ich. Natürlich auch, weil es Spaß macht.“

Welchen Anspruch legst Du an Deine eigenen Texte?
Robin Reithmayr: „Mein Anspruch ist es, etwas zu schreiben, das noch nicht jemand geschrieben hat. Das bezieht sich sowohl auf das Inhaltliche als auch auf das Formale. Das Schwierigste ist es, einen guten Inhalt zu finden, der nicht voller Pathos ist.“

Was ist dieses „Pathos“?
Robin Reithmayr: „In diesem Kontext meine ich mit Pathos das Gefühlsschwangere, wo die Welt und der Schmerz überschwellen. Es kann zwar interessant sein, wenn es schön bearbeitet ist, aber ich mag es nicht, wenn der Text alles dokumentiert und jedes einzelne Gefühl ausspricht. Wenn der Inhalt eine Emotion hervorruft, ist das für mich schon genug. Das Raumgebende, dem Leser nicht alles zu servieren – diese Kunst des Offenlassens und des Weglassens – ist auch eine gewisse Form von Intelligenz, finde ich. Auch in dem Sinne, dass du dem Leser zutraust, dass er das versteht, dass er es ergänzen und irgend etwas damit machen kann. Wenn du alles am Silbertablett servierst, implizierst du ja, dass der Leser blöd ist.“

Was schreibst Du?
Robin Reithmayr: „Mein Fokus liegt auf der kleinen literarischen Form: Ich schreibe gerne Witze, Wortspiele, aber auch sehr gerne Gedichte. Ich schreibe einfach was ich will. Es entsteht auch sehr viel unterwegs. Ich habe meinen Block immer dabei, da kritzel ich immer herum. Manchmal schreibe ich Texte, wo ich nicht kontinuierlich daraus etwas machen kann, weil die Gedanken so komplex sind. Es sind immer wieder Texte am Entstehen, manchmal veränderst du sie. Manchmal erlebe ich Lustiges dank meines Faibles fürs handschriftliche Notieren: Ich denke an den Verkäufer beim Dönerstand, der mich extra nett behandelt, im Glauben ich wäre irgend ein Hygieneinspektor, weil er mich etwas Notieren sieht.“

Worin liegt die Verantwortung eines Autors?
Robin Reithmayr: „Verantwortung ist ein sehr abstrakter Begriff. Ich persönlich glaube nicht an Verantwortung. Ich glaube, niemand hat eine Verantwortung für irgendetwas. Von daher sehe ich auch keine Verantwortung beim Autor. Wenn überhaupt fühle ich mich dafür verantwortlich, so zu schreiben, dass es die Leute auch verstehen. Schließlich schreibe ich, um etwas zu erzählen.“

Worin liegt die Chance und die Kraft der Lyrik?
Robin Reithmayr: „Was die Lyrik kann ist, in der Knappheit der Sprache etwas zu sagen, was gar nicht weiter argumentiert werden muss. Eine Geschichte muss aufbauen. Es ist vielleicht so wie wenn man ein Fünf-Gänge-Menü mit einer dekorierten Praline vergleicht, wo jedes Detail stimt. Beim Fünf-Gänge-Menü kannst du dich reinschlemmern, du kannst dich da voll austoben. Das Gedicht ist eine Praline, die dir schmeckt oder nicht. Es ist sehr knapp, sehr konzentriert und von daher schwerer zugänglich. Das Gedicht ist etwas sehr Persönliches. Oft fällt es schwer als Aussenstehender die Intensität des darin konstruierten Moments zu erfassen.“

Was ist Poetry Slam?
Robin Reithmayr: „Eine Dichterschlacht oder so ähnlich. Beim Poetry Slam treten mehrere Leute, meistens zehn, gegeneinander an, die jeweils fünf Minuten Zeit haben, Selbstgeschriebenes zu performen. Das Publikum entscheidet, wer ins Finale kommt. Dann haben die Finalisten noch einmal die Chance etwas darzubieten und das Publikum entscheidet dann auch, wer gewonnen hat. Es ist eine sehr gute Atmosphäre, um Dinge zu lernen. Es ist sehr spielerisch. Anders wie auf Theaterbühnen erwarten die Leute auch nicht, dass du es perfekt machst. Es sind ganz normale Leute, die etwas machen und keine Burgschauspieler. Es geht um leicht verständliche Sachen. Es ist schon ein bisschen verpönt in der normalen Literaturszene, da das Format auf die breite Masse ausgelegt ist. Vielleicht steckt dahinter auch ein gewisser Neid diesbezüglich.“

Worin liegt die Musikalität eines Poetry-Slams?
Robin Reithmayr: „Rap und Poetry Slam sind verwandt. Du darfst auch auf einer Poetry-Slam-Bühne rappen. Singen ist nur teilweise erlaubt. Es hat auch etwas von Standup-Comedy. Es geht im Sprachspiel auch um die Freude am Experiment.“

Wie ist es um die Poetry-Slam-Szene in Österreich bestellt?
Robin Reithmayr: „In Wien gibt es mittlerweile massenhaft Slams. Nicht alle sind öffentlich zugänglich. Als Anfänger hast du sicher mindestens 3mal im Monat die Möglichkeit aufzutreten.“

Wie wichtig ist Sprache in unserer Gesellschaft?
Robin Reithmayr: „Davon abgesehen, dass wir damit kommunizieren, glaube ich, dass Sprache sehr viel mehr macht, als wir wahrnehmen können. Sprache ist ja auch oftmals sehr doppeldeutig. Durch diese Doppeldeutigkeit wird sehr viel mehr transportiert, was wir oft gar nicht bewusst wahrnehmen. Sprache schafft Realität. Beobachten wir ein altes Ehepaar. Es hat gerade den Bus verpasst. Sie: Ja, hättest du nicht so lang getrödelt. Da schafft sie die Realität: Ja du hast getrödelt und deswegen hab ich den Bus verpasst. Dann sagt er: Von wegen. Wenn du früher gefrühstückt hättest, hätten wir es auch geschafft. Dann schafft er diese Realität. Beim Poetry Slam kommt das insofern noch mehr zur Geltung, weil du einfach in den fünf Minuten deine Realität schaffst und die Leute versuchst in dieser Zeit da reinzuziehen.“

Was würdest Du Dir vom Umgang mit Sprache wünschen?
Robin Reithmayr: „Mich würde es freuen, wenn die Leute mehr mit Sprache spielen – weil es so viele Möglichkeiten gibt, damit etwas zu machen. Sprache besteht aus von uns gemachten Geräuschen. Wörter können doppeldeutig sein oder ähnlich klingen. Da würde ich mir wünschen, dass die Leute mehr darauf achten und Sprache nicht nur gebrauchen, um Information zu transportieren, sondern auch auf diese Metaebene einsteigen. In dem Sinne, was Sprache macht, was Sprache kann. Das würde mich sehr freuen. Aber ich weiß nicht, ob ich mir das erwarten darf.“

„Das Bild der ausgeaperten Vergangenheit“

Vor 100 Jahren brach der erste Weltkrieg aus. Dazu fand die Welturaufführung
von „Der Stille Berg“ im Kino statt. Der starbesetzte Blick des Tiroler Regisseurs Ernst Gossner auf das Drama, das sich im unerbittlichen Kampf des Gebirgskrieges in den Alpen abspielte.

Tirol, im Jahr 1915: Auf der Hochzeit seiner älteren Schwester Elisabeth lernt der Tiroler Hotelierssohn Andreas Gruber die italienische Klosterschülerin Francesca Calzolari kennen. Er verliebt sich in sie. Kurz darauf erklärt Italien der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn den Krieg. Während Andreas auf österreichischer Seite in den Krieg ziehen muss, wird sein Schwager Angelo Soldat der italienischen Streitkräfte.
Francesca verbleibt als Krankenschwester zurück. In den Dolomiten entbrennt daraufhin die Schlacht. Eine harte Probe für die Liebe und die Menschlichkeit.

Die Ereignisse rund um den amerikanischen 11. September waren es, die den Tiroler Regisseur und Produzenten Ernst Gossner auf das Thema Krieg brachten:
„Ich war damals in Los Angeles und musste mitansehen, wie schnell nach den Anschlägen aufs World Trade Center ein Krieg ins Bewusstsein der Menschen reingehämmert wurde. Und wie schnell dann Afghanistan und der Irak attackiert wurden. 2004 aperten dann Leichname von Soldaten aus dem Gebirgskrieg aus dem Eis. Dieses Bild der ausgeaperten Vergangenheit hat mich nicht mehr losgelassen und die Idee zu Der Stille Berg war da.“

Die Kriegserklärung der Italiener an die k.u.k-Monarchie, hinter der auch König Vittorio Emanuele III. stand – wenngleich es seit 1882 mit dem so genannten Dreibund ein geheimes Defensivbündnis zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem Italienischen Königreich gab, war Startschuss für eine lange und unerbittliche Gebirgsschlacht. Die Italienfront verlief vom Stilfser Joch an der Schweizer Grenze über Tirol entlang der Dolomiten, der Karnischen Alpen und des Isonzos bis zur Küste der Adria. Damit befand sich Österreich-Ungarn ab sofort in einem Dreifrontenkrieg.
Die Österreicher konnten Teile der Italienfront zu Beginn der Kampfhandlungen nur ungenügend absichern, es kamen vielfach lediglich örtliche Milizen, Landwehr und Landsturm zum Einsatz, darunter 30.000 Standschützen. Auf italienischer Seite kämpften die Alpini, die, 1872 gegründete älteste aktive Gebirgsjägertruppe der Welt. Darunter befanden sich Bataillone mit Sonderaufgaben, beispielsweise Ski-Bataillone. Die Alpini operierten im Gelände und den hochalpinen Schwierigkeiten entsprechend meist in Form kleiner Angriffstruppen. Die Kampfhandlungen begannen am Isonzo unmittelbar nach der Kriegserklärung. Trotz großer Überlegenheit und Gebietsgewinnen gelang den Italienern weder in dieser Schlacht noch in der unmittelbar darauf folgenden Zweiten Isonzoschlacht ein entscheidender Durchbruch. Dies gilt auch für die Erste Dolomitenoffensive, dem eigentlichen Beginn des Alpenkriegs, der ein weiteres Novum in der Militärgeschichte bedeutete: Nie zuvor hatte es langandauernde Kampfhandlungen im Hochgebirge gegeben, die bis auf eine Höhe von 3900 Metern mit der Ortlerstellung führten.

Es war ein Kampf in und mit der Natur, wenn die beiden Gewalten Krieg und Berg aufeinandertreffen:
„Die Natur war ein wichtiger Teilnehmer des Gebirgskrieges“, so Gossner.
„Immerhin war sie es, die mehr Leuten das Leben gekostet hat als direkte Feindeinwirkung. Und wenn man in den Dolomiten dreht und das auch noch in Originalstellungen von damals, dann wird einem dieser Wahnsinn nochmals bewusster. Ein Dreckskrieg in einer monumentalen Landschaft. Und dann ist da noch der Berg, der keine Moral hat. Und wenn er eine hätte, dann wäre es dem Berg egal, ob wir uns auf ihm oben den Kopf eindreschen. Der war vorher still und er war es danach auch wieder.“

Entsprechend herausfordernd und dramatisch gestalteten sich die Dreharbeiten in Tirol und Südtirol:
„Die Dreharbeiten waren heftig. Dann sind wir in die Dolomiten. Einfach eines der schönsten Bergmassive der Welt. Wir drehten in den Originalschauplätzen des Gebirgskrieges und wurden in den Bergen vom Blitz getroffen. Der Blitz hat ca. 100 Meter vor uns eingeschlagen und hat sich über uns abgeladen. Neun Verletzte, drei auf der Intensivstation. Und der Blitz fuhr auch durch die Kamera ins Auge unserer Kamerafrau und versengte ihr den Sehnerv. Das gibt’s auch… Es war schlimm. Das Team hat aber Unglaubliches geleistet und wir machten weiter. Da kam der nächste Blitz. Der uns nicht getroffen hat, aber wir mussten wieder unterbrechen. Dann nahm eine Mure ein ganzes Schlachtfeldset mit und zerstörte es. Jedenfalls hab ich den Blitz dann wieder in den Film zurückgeschrieben Kurz vorher hatten wir den Blitz wegen Budgetproblemen aus dem Drehbuch gestrichen.“
Warum eine Aufarbeitung des traumatisch erlebten Ersten Weltkriegs für Österreich so schwierig ist, ortet Gossner darin, dass kurz darauf der nächste Weltkrieg dazwischen kam: „Manchmal kommt’s mir vor, als ob da einfach soviel verschütt gegangen ist, dass es wieder drei oder vier Generationen gebraucht hat, um sich dem einigermaßen stellen zu können. Wenn überhaupt.“ Dennoch sollte man es nicht vergessen:
„Sich mit Geschichte auseinanderzusetzen ist fundamental. Ich hab grad einen Online-Kurs über die Geschichte der Menschheit absolviert und der Professor meinte abschließend, dass man Geschichte nicht studiert um aus der Vergangenheit zu lernen, sondern sich von ihr zu befreien. Wir spüren den Griff der Vergangenheit im Nacken, sobald wir geboren werden und wir merken’s nicht einmal. Das Studieren von Geschichte zielt darauf ab, diesen Griff zu lockern und unseren Kopf freier bewegen zu können und in neuen Wegen zu denken.“

Die Geschichte wird mit namhafter und internationaler Besetzung inszeniert. Darunter Claudia Cardinale, Fritz Karl oder William Moseley (als Anderl Gruber). Der junge britische Schauspieler, der sich als Peter Pevensie in den Chroniken von Narnia, in viele Fanherzen spielte, wurde erst nach lokalem Casting entdeckt:
„Wir haben zuerst in Tirol nach dem passenden Anderl gesucht. Wir haben extrem begabte junge Schauspieler gefunden, aber es war niemand dabei, der uns 100% überzeugt hat. Als ich merkte, dass es sich vom authentischen Tiroler weg entwickelt, war’s mir dann schon egal, ob er aus Deutschland oder aus England kommt. Die Castingagentin meines ersten Spielfilms hat uns dann auf William Moseley aufmerksam gemacht. Ich fand ihn von Beginn an die perfekte Besetzung für Anderl.“
Claudia Cardinale allerdings war Gossners Wunschkandidatin für die Rolle der Nuria Calzolari, Mutter von Anderls Geliebter Francesca Calzolari, dargestellt von der jungen italienischen Schauspielerin Eugenia Costantini: „Wir haben ihr das Drehbuch geschickt und sie hat gleich zugesagt.“

„Wir wollten von Beginn an einen Film machen über Krieg und was er mit den Menschen macht“, bringt Gossner die Botschaft des Stillen Bergs auf den Punkt. „Jede Pore des Filmes erzählt vom Krieg. Vom Witz bis zum Tod. Als großes Theater und als bittere Erkenntnis. Keine der Figuren in Der Stille Berg bleibt vom Krieg verschont. Alle ändert er, der Krieg.“ Vor dem Hintergrund einer europäischen Gemeinschaft, die in Nationalitäten zerrissen wird und von einem schicksalshaften Patriotismus lebt, meint der Regisseur, dass noch etwas anderes bezüglich der Vergangenheitsbewältigung gelungen ist: „Was uns denke ich auch gelungen ist, zu zeigen, wie es unsere Urgroßeltern erwischt hat. Ich glaube, dass man nach dem Film besser weiß, wie es denen damals ergangen ist. Man darf ja auch nicht vergessen, dass es in Tirol Südtirol und Trentino keine einzige Familie gibt, die nicht mit diesem Konflikt in Verbindung steht, wenn sie damals schon ihre wurzeln dort gehabt hat. Wir merken das auch an den Leuten, die an uns herantreten und von ihren Großeltern oder Urgroßeltern zu erzählen beginnen.“
Überhaupt sind die Berge für Gossner „jedesmal beeindruckend. Aber manchmal eben auch zu beeindruckend. Toll waren die Besuche etwa auf der Madatsch-Stellung im Ortlergebiet für unseren Dokumentarfilm Global Warning.“ Auch mit persönlichem Schicksal sind sie verbunden so mit einem „Lawinenabgang im Kühtai, bei dem ein guter Freund von mir verschüttet wurde und ich ihn ausbuddeln musste oder besser durfte. Dann, letztes Mal, als ich mich verging und plötzlich mitten in einer Wand hänge und eh kein guter Kletterer bin. Immer spannend und beeindruckend. Aber auf jeden Fall muss ich noch mehr in den Dolomiten marschieren. Soviel ist sicher.“
Bereits in seiner Dokumentation „Global Warning“ (2011) hat sich Gossner mit dem Tiroler Gebirgskrieg beschäftigt und sich die Frage gestellt, „warum die Welt noch immer brennt?“

„Der Stille Berg“ ist ein „spannender“, „abenteuerlicher“, „liebevoller“ Film vor einer „gewaltigen Bergkulisse“, die heute noch immer auf dieses dramatische, geschichtsträchtige Ereignis herunterschweigt und emotionslos immer neue Zeugnisse der dunklen Zeit zutage fördert.

[Klaus Oberrauner, KulturToDate, April 2016]

„Dobar Tek!“ beim Ilija

Das renommierte Fischlokal in der charmanten Wiener Josefstadt, vom Kroaten Ilija Djuric eröffnet, blüht nun in Familienhand unter seinem Sohn Denis Djuric im zentralen Kulturbezirk weiter. Ausgezeichnet vom Gault Millau 2006 und 2007 mit einer Haube möchte er mit seiner Kreativität und der Küche seines Herkunftslandes seine Gäste verwöhnen. Ein Lokalaugenschein.

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Ilija – Spezialitäten aus Dalmatien in der Josefstadt. | Foto: Klaus Oberrauner

Eine kulinarische Familientradition im Herzen Wiens
Als Ilija Djuric im Mai 1983 sein Fischlokal in der Piaristengasse 36 – in unmittelbarer Nachbarschaft des Josefstädter Theaters und in der Nähe von Rathaus, Parlament und Volkstheater – eröffnete, erfüllte sich erfüllte sich der gelernte Koch einen Traum. Allein die Liste prominenter Besucher, die sich im familiären Ambiente wohlfühlten, spricht für die gelebte Qualität.
Unter ihnen keine Geringeren als etwa Franz Antel, Reinhard Fendrich, Uschi Glas oder Peter Weck.
Denis Djuric selbst, der im Palais Schwarzenberg Koch gelernt hat, tritt in die Fußstapfen:
„Gastfreunlichkeit auf familiärer Basis wird großgeschrieben. Wir sind kein Massenprodukt, keine Kette. Wir sind ein Familienbetrieb, wo alle zusammenarbeiten.“

Produkte aus der Region
Neben dem breiten Sortiment an Meeresfisch von Calamari über Seezunge bis hin zum Seeteufel – den Fischspezialitäten aus Dalmatien – gibt es auch andere regionale Köstlichkeiten, wie etwa den Pršut, den Dalmatinischen Prosciutto. „Es gibt Teile in Kroatien, wo der Pršut luftgetrocknet wird wie in San Daniele oder es gibt den mit dem vom Holz aufgezogenen Räucheraroma. Das ist der traditionelle, richtige Pršut“, erklärt Denis Djuric. Empfehlenswert sind auch die preiswerten Wochenmenüs: „Das ist unterschiedlich jeden Tag. Da gibt es eine Mittagskarte, wo ich sechs Gerichte anbiete die ganze Woche und man kann sich dann jeden Tag ein anderes Gericht nehmen. Man kann auch alle Gerichte zum Mitnehmen haben.“
Auf die Frische seiner Produkte legt der junge Chef größten wert: „Diese Qualität hat für mich oberste Priorität und dafür stehe ich mit meinem Namen.“
Natürlich darf zu den adriatischen Gaumenfreuden auch nicht der Wein aus der Region fehlen. Tropfen von Slawonien bis Dalmatien stehen zur Auswahl wie der Graševina, der Pošip oder der Malvazija. Gute Weiße zum Fischgenuss. „Kroatien ist ein wunderbares Land, das alles hat“, freut sich Djuric, der auch das Eigenartige des regionalen vino betont: „Einen Welsch-Riesling gibt es auch in Wien, einen Chardonnay gibt es auch in der Steiermark. Das macht die besonderen Sorten des kroatischen Weines aus, die in der entsprechenden Region erst so richtig zur Geltung kommen. Das ist eine andere Qualität, das sind andere Geschmacksaromen.“

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Der frische Fisch ist beim Ilija schmackhafte Qualität. | Foto: Klaus Oberrauner

Ein buntes Publikum
Diese positive und einzigartige Atmosphäre des kleinen, rauchfreien und klimatisierten Restaurants mit gemütlichem Wintergarten zieht jeden Tag ein Nebeneinander aus unterschiedlichen Schichten zusammen: Der Politiker neben dem Schauspieler, der Student neben dem Touristen, der Einheimische neben dem Zugereisten. Das Stammpublikum ist ein Buntes.

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Köstlicher Genuss und einladendes Ambiente beim Ilija. | Foto: Klaus Oberrauner

„Ich bin kein McDonald’s.“
Schließlich macht der Gusto für Djuric den Geschmack und letztlich auch den Genuss aus.
Alljährlich ist er mit der Ilja-Philosophie auch beim Sommerkino am Rathausplatz vertreten und bietet als besonderes Service ein Catering an: „Aber nicht für große Gesellschaften und nur für kleine Veranstaltungen von maximal 30-40 Personen. Alles was darüber ist, ist nicht meines und geht schon wieder in Richtung Masse. Das mag ich nicht. Ideal sind 10-20 Personen, wo alle etwas davon haben. Schließlich geht es auch um den Spaß. Ich habe bei mir im Restaurant lieber 3-4 Tische, die wirklich sehr zufrieden sind, als ein volles, halbherzig abgefertigtes Lokal. Ich bin kein McDonald’s.“ Es geht ihm nicht um Quantität, sondern um die Liebe zum Produkt, den Gast mit dieser Liebe gut zu stimmen. „Man soll den Fisch genießen. Man darf ihn nicht hinunterwürgen. Fisch ist vielleicht etwas, das wir nicht mehr lange in dieser Qualität haben werden“, sagt Djuric nicht ganz ohne Wehmut in Hinblick auf die verherenden in Geldgier wurzelnden Öl- und Atommüllkatastrophen, die den natürlichen Lebensraum der Fische massiv bedrohen.
„Schließlich wollen wir in den nächsten Jahren noch Schwimmengehen und uns beim Ilija Dobar Tek! (Anm.: Guten Appetit!) wünschen können.“ Mahlzeit!

Das Chamäleon ist ein Beizli

Im Dunstkreis der Domglocken, einen Steinwurf vom Mozarthaus Vienna entfernt, wo der joviale Kompositeur dereinst seinen Figaro schrieb, ist man dem schweizerischen Flair näher als man glaubt. Etwas abseits vom Kärntnerstraßentrubel findet man – etwas versteckt – das Chamäleon .
In der Blutgasse – der Grund für die Benennung des mittelalterlichen Kothgässel schimpft sich unbekannt – wird man bald von Schweizer Fähnchen und einem herzlichen „Grüezi!“ empfangen. Besonders einladend zu der Zeit, in der die Knospen aufspringen, ist es, draußen auf dem Pflaster zu sitzen und sich an den im Umkreis angebrachten Bartspiegeln zu amüsieren wie sich an der Gesellschaft kunstbeflissener Passanten zu erfreuen.

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Das Chamäleon in der Blutgasse 3, 1010 Wien.  | Foto: Klaus Oberrauner

Dem Motto: „Fondue isch guet u git e gueti luune“ wird man hier mehr als gerecht. Reicht doch die Palette vom Klassischen Käsefondue und zahlreichen Variationen – mit Äpfeln, Tomaten, Engadiner Kräutern, Champagner, Schrimps oder Pilzen – bis hin zum Schokoladenfondue.
Auch der Hobelkäse, Bündnerfleisch und Sbrinz dürfen neben der Schweizer Käsevariation nicht fehlen. Zum Dessert, einer hausgemachten Rueblitorte etwa, kann man Kaffee aus der Schweiz genießen wie den mit Obstler in wenig Kaffee und heißem Wasser aufgegossenen Cafe Lutz oder den Cafe Schümli Pflümli mit Zwetschkenbrand.

Inhaber Hans Schmid, aus der Hotellerie kommend, ist sehr zufrieden mit seinem „Beizli“, das er vor sieben Jahren mit dem exotischen Tiernamen übernommen hat: „Unsere Idee ist es, die Schweizer Küche und die Schweizer Käse in Wien vorzustellen. Chamäleon passt auch irgendwo zur Schweiz, weil wir ja da ganz gut sind uns anzupassen.“ Herr Schmid stammt aus dem Berner Oberland – „aus dem Gebirge“: „Frutigen heißt der Ort, Frutigland. Das ist in der Nähe von Interlaken, wird man kennen. Die Österreicher kennen oft auch die Lauberhorn-Abfahrt oder Adelboden, wo der Schiweltcup ab und zu zu Hause ist.“ Durch die Internationale Konzernhotellerie wurder er vor vierzehn Jahren aus Bukarest nach Wien geschickt. „Und dann bin ich, wie sie sagen, in Wien picken geblieben.“ Gemeinsam mit zwei Kollegen betreibt er das kleine, gemütliche und geschmackvoll eingerichtete „Beizli“: „Wir sind hier zu zweit, zu dritt – und alle machen alles. Putzen, waschen, servieren, kochen, dekorieren.“ Der sympathische Wirt schmunzelt: „Und die Gäste müssen selber kochen.“ So hat er gleich das Konzept im Mund: „Fondue ist sehr kommunikativ, weil alle etwas zu tun haben.“ Obwohl das Vegetarische hinsichtlich des fleischliebenden Österreichers eine kleine „Crux“ ist, wird das Angebot des Lokals sehr gerne angenommen. Schließlich „kann man vorher ein bisschen Bündnerfleisch nehmen.“
Neben dem Genuss, der „Stimmigkeit, dass alles passt“, ist Hans Schmid das Preisleistungsverhältnis und die Authentizität ein ganz besonderes Anliegen: „Ich bin eher für das Ursprüngliche, das Authentische. Die Kuh hat noch einen Namen und Hörner. Sie gibt die Milch auf der Weide auf der Alp. Dann ist der Käse da und das Außergewöhnliche dieses verderblichen Produkts.“ Im Chamäleon wird man also niemals teuer verhungern: „Ich möchte nicht, dass die Leute hinausgehen und sagen, wo ist der nächste Würstelstand? Man bekommt hier auch Nachschlag, wenn man möchte. Ein Supplement.“ Einen Teil des heimeligen Interieurs steuern KünstlerInnen bei, welche die Gelegenheit wahrnehmen, Bilder auszuhängen, die zum Verkauf stehen.

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Gemütlichkeit im Chamäleon umgeben von Kunst. | Foto: Klaus Oberrauner

Auch internationales Publikum lockt das „Beizli“: „Wir haben Touristen, lokale Ausländer von den Botschaften, auch Stammgäste aus Tasmanien. Der junge Schweizer Verein hat hier jeden ersten Donnerstag im Monat seinen Stammtisch. Weiters kommt gerne der Club der ehemaligen Schweizerkinder, um der Nostalgie zu frönen. Es sind die Österreichischen Kinder, die nach dem Krieg in die Schweiz verschickt wurden. Für die OSZE und die Botschaft machen wir gemeinsam mit dem Käselieferanten Andrzej Koch Caterings.“
Täglich von 11:00 – 24:00 Uhr, außer Sonntags, kann man hier gutes Essen schnabulieren, das es sonst nirgends gibt: „Authentisches, richtiges Schweizer Fondue bekommen Sie nur da. Und Schweizer Kaffee und andere Schweizer Schmankerln. Die Leute fühlen sich bei unsrem Service gut aufgehoben“, freut sich Hans Schmid, der augenzwinkernd einen wertvollen Tipp für Fondue-Hungrige parat hat: „Man soll schon sehr langsam essen und nichts überstürzen. Nicht schlingen, denn sonst ist’s bald genug. Man muss langsam und gemütlich machen, sich Zeit nehmen.“
Und die größte Freude des Wirten? „Man geht wieder hianus und hat gute Laune, die Welt ist wieder in Ordnung für einen Moment. Und selber ist man wieder aufgetankt für die neue Woche.“ Was bleibt ist ein von Herzen aufrichtiges, fröhliches: Uf widerluege! Im Chamäleon.

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Das Chamäleon im Chamäleon. | Foto: Klaus Oberrauner 

[Klaus Oberrauner, KulturToDate, April 2016 | Fotos: Klaus Oberrauner]