Dank Bill

Montag. Es herbstelt über die Donau herauf und ich entscheide mich sicherheitshalber doch für die regenfeste Jacke. Über dem Jazzland trübt’s sich ein. Hofpflaster und Himmel Ton in Ton. Ich stehe unter rostrotem Laub. Am Boden tanzt es wild wie zu unhörbaren Dreivierteln. Eine Fünfzigerjahretür mit Messinggriff schaut herunter auf die Wartenden. Eine Stunde früher sind sie da. Und immer mehr werden’s. Jung und Alt. Figuren, deren Garderobe sich seit Jahrzehnten nicht verändert hat. Eine Dame, ob Zufall oder nicht, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit Ruth Stephan hat. Das Nieseln aus der angegrauten Decke macht mir nichts aus. Zwei betagtere Damen drängeln sich mit lächelnder Selbstverständlichkeit vor. Keine Minute früher beginnt die Zeitreise.

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Foto: Klaus Oberrauner

Es geht hinab. Unter einem Backsteingewölbe tut sich etwas auf, das vom Draußen und Heute nichts weiß. Selbst mein Handy hat kein Netz mehr. An einem Tisch hinter mir fliegen die Tarock. Eine Höhle, in der alles nah ist. Die Menschen, die Musiker, die Musik. Wie ein Reagenzglas für den verrauchten, ewigjungen Klang. Eine Dame sticht mit dem Mond. „So voll war das Jazzland auch noch nie.“ Eine Anerkennung zwischen Schinkenfleckerl und Schmalzbrot.

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Foto: Klaus Oberrauner

 

Eine Gitarre, ein Klavier, ein Schlagzeug, ein Kontrabass, eine Mundharmonika und ein Vibraphon machen den Anfang. Alle spüren, dass sich das Warten lohnt. Aus der Seitennische kommt zuerst sein Schatten. Erster Applaus keimt auf. Lachsfarbenes Sakko unter schlohweißem Haar und schlohweißem Bart. Er ist reif geworden der Fernsehliebling Vieler. Mit einem breiten Lächeln bemüht er seine fünfundachtzig Jahre. „Nur gut, dass die Arthrose nicht auf die Stimmbänder schlägt.“ Aus seinen vitalen Augen und seiner humorvollen Mimik sprüht’s. Rau und kraftvoll schmiegt sich sein unverkennbares Timbre um den Hootchie Cootchie Man, mit dem er uns in seinen Abend hineinlässt. Über Fly my to the moonSophisticated Lady – „eine wundervolle Ballade von Duke Ellington“, wie er ehrfürchtig moderiert, singt er von The Days of Wine and Roses oder besucht mit uns, auf lockende Weise, The Girl of Ipanema. Selbst die Gewölbesteine swingen in den Fugen. Kein Bein, kein Kopf, keine Hand, kein Herz bleibt von diesen vertrauten Klängen unberührt. Auch Bill taucht ein. Lebt mit. So wie er im Publikum ist, ohne Anflug von Allüren, genauso wird er eins mit dem Leisen, dem Schleichenden, dem Melancholischen wenn er die Augen schließt und sich fügt. Wenn seine Stimme auch weich wird. Kaum, dass die ersten Takte von der Mimi losgehen, ist er wieder ganz der Entertainer. Die Sechziger sind hellwach. Die Leute singen mit. Egal ob falsch aber mit Inbrunst. Nichts hält sie auf den Sitzen. Eine aufrichtige Hommage für einen der letzten Großen seiner Zunft. Er macht neugierig auf seine neues Album My Words (85th Anniversary Edition)zu dem er die Lyrics und einiges an Musik geschrieben hat, und aus dem er selbstironisch – „manche Leute glauben, es sei autobiographisch“ – die Nummer Fat Man gibt. Ein Bekannter, den ich zufällig zwischen den Stühlen antreffe, verrät mir, dass Bill seine Auftritte bis weit über seinen 100. Geburtstag geplant hat. Ich muss schmunzeln. Ein Mann, dem ich schon als Kind vor dem Fernseher begegnet bin, mit Visionen. Und auch mein Herz geht auf. Ein unvergesslicher Abend. Hautnah. Ich nehme seine Hand. Dank Bill. Ramsey! 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Filmnotiz: Birdman (2014)

Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit steht auf meiner Einladung zur Filmpremiere. Verwirrend. Neugierweckend. Ein eher schlichtes Plakat mit einer Gestalt in schwarzer Vogelmaske auf rotem Hintergrund lässt an westernbekannte Bilder von edlen Indianerkriegern oder praktizierende Medizinmännern erinnern. Tatsächlich meint es einen Helden. Auch einen aus vergangenen Tagen. Einen von dem man glaubt, dass er unsterblich ist, alles Übel besiegen kann – und vor allem eines: fliegen. 

Wir schauen einem Mann in Unterhosen auf den Rücken, der im Schneideritz über dem Boden schwebt. Zugegeben, zunächst befremdlich. Aber mit diesem Anfang schauen wir bereits das Alter Ego eines Menschen, das ihn in seinen Klauen hält wie ein Aasgeier seine Beute. Riggan Thomson (Michael Keaton) war in seiner Rolle als Birdman einer der beliebtesten Superhelden der Kinoleinwand. In seinem fortgeschrittenen Alter scheint es wie eine Midlife Crisis, dass er sich von dieser Figur emanzipieren, sich lossagen und neu erfinden möchte. Sich und dem Publikum beweisen, dass er mehr kann als ein omnipotenter Bösewichtbekämpfer.  Diesmal allerdings auf dem gnadenlosen Broadway-Theaterboden. Eine bemerkenswerte Kameraführung, die bis kurz vor Ende des Streifens ohne einen einzigen Schnitt auskommt und eine Art Echtzeitvoyeurismus erzeugt, hervorragende Darsteller und ein spartanisch akustischer Rahmen in erdigen Rhythmen eines Schlagzeugs ziehen hinein in dieser Welt auf der Suche nach dem Ich und nach dem Erfolg.

Ich war erstaunt darüber, diesen Film als „Komödie“ tituliert zu sehen, der sehr große Ähnlichkeiten mit der grauschattierten, teils skurrilen Darstellung brüchiger Menschenschicksale des Österreichischen Films hat. Er geht auch in diese Bruchstücke menschlichen Scheiterns hinein, überhöht sie und zeigt sie auf unterschiedlichen Ebenen – so mit der trügerischen Wahrnehmung im Verschwimmen von Phantasie und Realität. Mit dabei: das Brechen der Macht nonchalanter, unerbittlicher Theaterkritik. Schön, dass auch solche Mischungen Oscars gewinnen und zum Nachdenken anregen.

 

 

 

 

 

 

Filmnotiz: „La Grande Bellezza“ oder der schönste Schein (2013)

Man fragt sich erst: Wo ist man da hineingeraten? Später erkennt man, dass es das Leben selbst ist – in seinem menschlich konstruierten, skurrilen Panoptikum. Wie schwer verdaulich doch die vom Schein gekochte Oberflächlichkeit ist, die eine Schönheit sein will. Für diese Fassade eignet sich nichts trefflicher zur Kulisse als die ewige Stadt, von der man zuerst auch nur das alte Gesicht sieht. Das mehrfach ausgezeichnete Schauspiel gibt sich als metaphorisches Bilderbuch, das augenzwinkernd wie schonungslos – den Tiber entlangpfeifend, das Kolosseum vor dem Fenster – voranschreitet, einen Spiegel im Nacken, der tief in das hineinleuchtet, was heutzutage die Gesellschaft nicht wahrhaben könnte – so sehr wie sie auf ihr schönes Funktionieren bedacht ist. Ein Sehenswertes Filmerlebnis, das seine tiefe Philosophie zwischen Handlung, Sinn und technischer Umsetzung überträgt. Aufgeladen und nachdenklich zugleich – so hat mich seine Botschaft voll getroffen. Und ich suche weiter. Nach der großen Schönheit meines Lebens.

[Klaus Oberrauner, KulturToDate, Mai 2016]

 

„Ehemals“

Kurzgeschichte von Klaus Oberrauner auf Illustrationen von Lorenz Bögle. Das Motto: Die interaktions Bilder-Geschichte.

„Das Unterfangen startete mit dem Gedanken, nach Entstehen einer Reihe von Zeichnungen während eines Irlandaufenthaltes, diese doch mit einer Geschichte zu bespielen. Ich stellte sie zur Inspiration aus. So geriet ich über einen Freund und dessen Bekannten an Klaus Oberrauner, der sich voller Freude mit diesem wunderbaren Ergebnis dieser Idee annahm. Dieser interdisziplinäre Brückenschlag ist der erfreuliche Anfang für fruchtbare Weitere. Hier, auf diesem Blog, heißt es Art Connected.“ [Lorenz Bögle]

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

Ehemals.

Prolog.

Wie sich schleicht die Klage
an das kecke Gold,
als hätt‘ die üble Sage,
ins Dunkle heimgewollt.

Sachte um die Hände,
die hoffen allemal,
schwänzelt sie um die Wände,
durchhaucht ganz leis‘ den Saal.

Gleich dem Dieb, als Freundin,
die Schattenfarb‘ sich sucht,
spitzt sie gegen den Feind hin,
und seine drohend‘ Glut.

Sein Haupt ist flink und wendig,
sein Atem höllisch warm,
die Stimme schön elendig,
der Augen schöner Schwarm.

Sie macht die Finger zittern,
die um Güte rittern,
und bei diesem Ringen,
bebend Leeres singen.

Stein um Stein entschwebt sie,
des Schlundes Höh‘ empor,
und Stille ward und Hoffnung,
wie Morgenrot zuvor.

* * *

Gnadenlos war die Nacht am Dreizehnten des Novembers 1538. Sie schluckte alles, was gut und böse und jenseits davon war und schickte ihren kalten Unmut darüber durch die alten Gassen. Schwerer Regen umschleierte die Dächer als trachtete er danach ohngemein beschämte Gesichter verbergen zu wollen. Tief unter dem festen Schritt des Hellebardiers, dessen kleines Licht sehr einsam der Unheimlichkeit widerstand, tanzten die Schatten eines wärmenden Feuers an den Wänden eines prachtvollen Gewölbes. Die Fackeln an den Säulen, die in hohen runden Bögen aus nacktem, felsigen Stein auswuchsen, bebten wie lodernde Schwerter des Eosphóros. Dazwischen, wie aus dem Erdreich emporgewachsen, ein marmorner Altar unter den Augen einer entschwebten Pietà. Ihr schickte eine in rotes Tuch gehüllte Gestalt auf demütigen Knien ihr leises Flehen. „Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus, nunc et in hora mortis nostrae.“ Und sie schaute herunter, die Maria, als hätte sie trotz allem kein Erbarmen. „Hier beweinst du den Leichnam deines Sohnes, doch in meinem Elend bleibe ich für mich allein.“ Ein leises Räuspern vertrieb die Gewissheit, ungehört zu sein. „Ich habe mir schon gedacht, dass ich Euch hier finde, Baroness.“ Baroness – erstaunlich wie aufrichtig dies aus seinem Munde kam. Als wäre alles rechtens. Als machte keine Vergangenheit das Hier und Itzo.

Elendiges Spelunkengeklapper! Der Betagte, der verlautete, Kutscher in Diensten des Pastelgroßhändlers Bernuy gewesen zu sein, goss sich in ihrem Traume derart gierig den Wein hinein, dass dieser ihm am langen verfilzen Barte heruntertropfte.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

Es war zu jener Stunde, da er sich beinah täglich in den Wust der Ausgelassenheit begab. Alsbald schon hatte sie sein herausforderndes Geschau bemerkt. Als könnte einer, der aus dem Schlaraffenland kam, je ein Gefühl von Hunger haben. Zumindest flog es von leichten Zungen, dass er aus dem ringsum also genannten Süden vor der Stadt käme. „Dette, Dette, nur zu ihm! Er möchte deine Gesellschaft!“ Ein großväterlicher Lüstling, vor dem es ihr ekelte. „Na, geh schon Dirne! Das sieht doch eine blinde Kuh!“ Der Wirt duldete kein Ungehorsam. Seine rotaufgeblasenen Wangen zeugten von ewig herumgetragenem Grimm. Als der Kutscher sie kommen sah, hindurch durch tanzendes, grölendes und gieriges Volk, verfiel er in ein kindliches Lachen, das sein Augenweiß glasig machte. „Kommt, setzt Euch doch, Baroness!“ prustete er darauf los. Leicht lässt man sich veralbern. „Aber mitnichten, mein Kind. Mitnichten.“ Und er drückte seine verbrauchte, ledrige Hand in ihr weiches, weibliches Fleisch. „Ich bin doch kein Grobian.“ Er kicherte verstohlen. Dann erfuhr sie es. Sie soll ihr bis aufs Haar gleichen, der Edelfrau, die in seinem alten Gespann durch die Stadt fuhr, um Bernuy zu besuchen. „Bis auf die Nasenspitze. Wie ein Ei dem anderen. So gleich.“ Eine geheimnisvolle Baroness, von der man nicht viel mehr wusste, als dass sie sich, früh verwitwet, in einem Château irgendwo abwärts der Garonne zurückgezogen hatte, um von dort gönnerhaft zu sein, ihrer Vorliebe für edelblaue Gewänder nachzukommen und zu beten für die ihre und für andere arme Seelen. „Kein schöner’s Bleu gibt’s als hier“ nickte der Kutscher und soff auf das Wohlleben und die Anmut der Baroness an seiner Seite. „Ja, Baroness sagen sie. Baroness. Ich habe es vernommen mit eigenem Ohr.“ Unumschweiflich, sie musste ihn sehen, ihren Zwilling. „Unglaublich!“, rief sie. „Unglaublich sie alter Schwindler.“ Sie kniff ihn in die Nase. „Oh nein, Liebste. Ich glaube, ihr wollt mich verwirren.“ Sie befriedigte ihn mit dem Trost des Betrunkenseins.

Sie faltete die Hände so fest, dass sie ihre Knochen spürte. Schwere Stiefel näherten sich, die den Sand über den Stein schleiften. „Ihr betet zu Teufelszeug!“
„Wie schön, dass Ihr Euch an ihn hält.“ „Nicht umsonst zitierte die Heilige Inqusition diesen provençalischen Seher vor ihr Gericht.“ Allmählich lösten sich ihre Finger von der Kälte des Altars und nach dreimaligem Bekreuzigen erhob sie sich mit Bedacht.
„Das bedeutet nichts weiter, als dass sie den Michel de Nostredrame fürchten.“
„Aber natürlich, weil er ein Verrückter ist.“
Nun war es ihr, ihm ins Gesicht zu schauen und seinen Blick einzufrieren:
„Weil er Ideen hat!“
„Gespinste sind’s, die alle Reformer treiben!“
„Also habe ich meinen Verstand verloren.“
„Ihr scherzt, Maman.“
Oja, sie scherzte und wie sie scherzte. Wie die trockene, raue Haut des Fuhrwerkers auf der ihren, dass ihr die Gänsehaut über den Rücken kam. Sein hohles Pfrusten in den Ohren.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

Dieses wunderbare Blau. Es erinnerte sie an die Unendlichkeit wolkenloser Frühlingshimmel. Sie sind wohl auch daraus gemacht, erspürte sie. Auf ihr lächelndes Nicken hin wies ihr selbsternannter ehrerbietigster Diener, der brave Bernuy, an, den Ciel in die Truhe zu packen. Gerne blieb sie zum Essen, auch wenn der vielen Worte nicht ihres war. In der Küche hatte der Hausherr keine Stümper. Magret de Canard und Veilchenlikör – sterben könnte sie dafür. Läge sie nicht im Wiesengrün der Lautenklänge einem frechen und scheuen Wildhasen gegenüber, sie hätte vermeint, es wäre der Herr, der mit ihrer Frömmigkeit spielte. Neugierig schlich er sich wieder heran durch die tarnenden Halme, stellte die Löffel auf und schnupperte treuherzigen Auges. Sie erhob ihren Becher und flugs kehrte er ihr den Rücken mit dem schneeweißen Stummel. Behände trugen ihn seine langen Läufe in das Dickicht fort. Nein, dir komm ich nicht hinterher! Geblieben war der Geschmack unschuldiger, violetter Blumen. Im Morgenrot war es Zeit zu fahren. Ein kurzes Gebet noch vor der Reise, während die Lakaien den Wagen beluden. Im Morgenrot, da la ville rose ihre wahre Schönheit auftat.
Irgendwann würde sie nicht mehr alleine ihrer Wege ziehen. Irgendwann nicht mehr. Und irgendwann würde ihre Sprache mehr sein als gottgewandtes Seufzen.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

Immerzu zur gleichen Zeit. Fürwahr. Beim fernen Frühgeläut stand das edle Gespann. Hinter der Mauer lauerte sie, die Dette. Der Alte hatte rechtbehalten. Ihr Herz bebte unstet. Wie anders wurde ihr, als sie sich hinter dem goldverzierten Gehänge herausschauen sah. Am Bocke war kein Kutscher. „Dort ist sie, Baroness“, schnäkte die Ratte in ihrem Rücken Schadenfreude. „Das andere Ei.“ Die Brut des Unaussprechlichen. Sie nahm ihr die Kraft aus allen Gliedern und schwächte jede Wut. „Wessenthalben er mich nur erwählt hat?“ Alle Gedanken stahl er ihr. Alle guten und alle bösen. Nichts war als die Glocken, das ferne Nicken und das „Allez!, Allez!, Allez!“

„Etwas mehr Benimm, Junge! Treibt kein Spiel. Unverschämten ist das Glück nicht hold.“
„Ich erkenne Euch nicht. Wahrlich, ich erkenne Euch nicht wieder.“
„Ist das so?“
„In Momenten habe ich das Verlangen, Euch zu fragen, wer Ihr seid.“
„Eure Baroness?“
„So verändert seid Ihr mir. So fremd, ich kann gar nicht sagen wie.“
„Sagt es!“
„Es ist wie Scheinheiligkeit.“
„So schickt Euch und lasst mir meinen Frieden!“
Grob war ihre Hand und finster ihre Miene wie die herrschende Nacht.

Ach, wie verleideten ihr Abschiede alles. Im Grunde mochte sie Bernuy, mehr als sie derzeiten zuzugeben gewillt war. Angst machte es ihr, dass er die Gefühle zu ihrem Toten zu übermalen begann wie ein Artiste seine graue Mauer, Strich für Strich. Aus einer von Pflanzen ausgepressten Farbe, die ein bisschen giftig roch. Und sie die Mauer war, die sich dagegen stellte und ständig nachgraute. Über die saftige Wiese lief sie und pflückte die Veilchen. Plötzlich verdunkelte sich die Sonne zu einem patzigen Klumpen Pech. Wer machte ihr Schatten? Furchtsam erstarrte sie im Angesichte ihres Ebenbildes, das mit keilerartiger Wildheit den Spieß auf sie richtete. Kreideerbleicht hob sie die zitternden Blumen gegen die erboste Macht. Wer spielt ihr diesen üblen Streich. Nichts wie Erbarmen! Erbarmen, oh Himmel! Ihr Herz schmerzte, aber nur kurz. Als sie sich wieder fasste, lachte die Sonne wieder und alles war wieder gut. Sie sammelte die Blumen ein und roch daran. Die Veilchen. Dafür könnte sie sterben. Sie roch noch einmal und sie war befriedigt, bis sie von Weitem einen Hasen hoppeln sah.

„Ich hasse Euch“, sagte sie den stummen Wänden. „Oja, ich hasse Euch!“, rief sie den sich entfernten schleifenden Schritten nach. „Ich hasse, Ich hasse, Ich hasse, Ich hasse!“ Sie schlug gegen die Säule bis das Blut aus ihren Händen tropfte. „Ich hasse die Baroness!“ Sie, das größte aller Gespinste. Was hatte sie nur in ihrem ewig verdammten Leben verloren?

Vor ihr saß sie mit weit aufgerissenen Augen und einem schalkhaften Lächeln um die üppig geröteten Lippen. Wie leicht das Messer in sie hineinging. Immer tiefer, immer tiefer und wie es gierig schmatzte. Keinen Laut hatte sie gemacht. Kein Ruf, kein Schrei, kein Schluchzen. Dette ist tot, es lebe die Baroness!

Genug hatte sie vom Glauben. Nichts wie hinauf in die stürmische Nacht. Dort traf sie ein halber, trauriger Blick des Sohnes ehe er auf sein Pferd gestiegen und in die blinde Hölle hinausgeritten. Elendig! Sie hielt sich ihr Tuch über das Haupt gegen den stürmischen Regen. Lautlos und unsichtbar wurde sie und verschwand über eine schmale Treppe in einer abgelegenen Gasse. Ihr Klopfen an das knarzende Holz ward bald gehört. Drinnen nahm ihr ein Heros von einem Mann das triefende Rot von den Haaren. „Ich bin überrascht, Baronesse!“, näselte er. „Ganz in edlem Blau, wie du siehst.“ Der Schmied nahm seine ledrige Schürze ab und warf sie auf die Erde. Seine Augen glänzten.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

Ein wilder Hase kam auf sie zu. Zunächst scheu und neugierig zugleich. Herrlich groß war er und wie schön anzuschauen. In seinen Kullern spiegelte sich die Sonne. Vorsichtig streckte sie die Hand aus. Im Anfang war ein Schnuppern. Zögerlich kam er in ihren Schoß und sie begannen sich zu liebkosen. Sie spürte sein Herz unter dem warmen Fell. Und dann lagen sie, Seit an Seit in der großen großen Wiese. „Ich liebe dich“, sagte der Hase. „Ich liebe dich auch“, erwiderte sie, als wäre es kein Wunder mit dem Mümmelmann zu parlieren. „Ich hoffe, du läufst mir jetzt nie wieder davon.“
„Nie wieder“, versprach der Hase.

Epilog

Nur wenige Kerzen schwächten die Düsternis unter den hohen Bögen. Mit einem kleinen Lied lässt sich alles vertreiben, so hat sie erfahren. Schnell verhallte es in den unheimlichen Winkeln. Mörder, wo bist du? Dieb, was suchst du? Ihre Hände falteten sich auf der Bank und weiter sang sie eine Melodie, die sie im Schlaraffenland gehört hatte. Eine Melodie des Lebens, so lange bis sie davon aufgeladen war. Da war doch ein Schatten? Zu schnell ist er gewandert, um ihre Sinne zu täuschen. Drückend war die Leere. Schwer war die Stille. Sie horchte ins Nichts.
„Baroness, erschreckt nicht. Ihr hier?“
„Bonsoir, Herr Pfarrer.“
„Was sucht Ihr? Womit kann ich dienen zu dieser Stunde?“
„Eine Antwort auf die Frage, wer ich bin.“
Schweigen.
„Kein Schweigen, Herr Pfarrer, gibt mir Antwort.“
„Ich fürchte, ich verstehe nicht?“
„Erzählen Sie mir alles.“
Und alles hörte sie sich an. Durch Tränen sah sie alles.
Wie sie leblos in dem Weidenkorb lag auf der Treppe zur Spelunke und wie sie das Messer ins Schwesterherz bohrte geliebt von Hass und Angst.
Ehemals.

Während die Sonne die Nacht in die Knie zwang und die Stadt in ihr schönstes Rosarot tauchte.

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Bild: Lorenz Bögle | Torf, Tinte & Graphit auf Karton – 15 x 13 cm

 

[copyright: Klaus Oberauner & Lorenz Bögle, ArtConnected, April 2016]

Cuchina: Gute Küche aus Leidenschaft und Respekt

Bewusst zu kochen mit köstlichem Ergebnis, ist eine schöne Art kreativ zu sein. Alexandra Gaggl setzt dies in ihrem vegetarischen Restaurant „cuchina-Die Lebensküche“ in der Wiener Leopoldstadt buchstäblich um. Mit einzigartigen Gaumenabenteuern auf dem Weg zum echten Geschmack.

Kulinarischer Begegnungsraum
Unweit vom Schwedenplatz befindet sich ein kulinarisches Kleinod. „cuchina-Die Lebensküche“ klingt nicht nur vielversprechend. Sofort empfängt das Offenherzige und Familiäre. Es ist Koch- und Kommunikationsraum. Ein Ort der Begegnung, des Austausches und der Entschleunigung. Das ist gut, denn zum Essen braucht man Zeit. „Es ist ein Ruhepool – Raus aus dem ganzen Chaos“. Alexandra Gaggl lächelt. „Nachdem alles offen ist, sieht der Gast, was du tust und er kann dich auch direkt auf alles ansprechen. Man hat hat viel mehr Interaktion.“ Die junge, ambitionierte Chefin bereitet das Gemüse für das heutige Menü vor. „Heute gibt’s Gerstleintopf mit Wurzelgemüse und Kräuterpesto, Karotten-Ingwer-Suppe mit Mandeln und Rosinen.“ Überhaupt gibt es immer etwas anderes. Die Küche ist sehr abwechslungsreich. „Ich bin immer sehr spontan und am Experimentieren.“ Der Name „cuchina“ ist aus einem Wortspiel entstanden, das die beiden wesentlichen Komponenten Küche und Traditionelle Chinesische Medizin miteinander verbinden soll.

Die Elementeküche
Alexandra Gaggl hat sich mit der Ernährung nach der Traditionellen Chinesischen Medizin befasst. „Das Spezielle daran ist, dass jedem Nahrungsmittel eine bestimmte Wirkung auf den Körper zugeschrieben wird. Von der thermischen Wirkweise her: ob es den Körper kühlt oder erwärmt. Sie strebt eine Ausgewogenheit an.“ Eine besondere Rolle spielt dabei die Berücksichtigung der fünf Elemente, wobei jedem ein Geschmack zugeordnet wird. „Erde ist alles, was süß ist: Alle Wurzelgemüse, Getreidesachen gehören dazu. Metall sind alle scharfen Dinge: Die meisten Gewürze fallen da hinein, Zwiebel, Kren, Rettich, Ingwer, Chili. Wasser ist zum Beispiel Salz oder alles, das aus dem Wasserelement kommt: Algen, Fische, Teile von Hülsenfrüchten. Feuer ist alles bittere: etwa Radicchio oder Rucola. Holz repräsentiert in der traditionellen chinesischen Medizin den Frühling und entspricht Grün-Saurem wie Essig oder Zitrone.“ Bei der Zusammensetzung ihrer Menüs achtet sie darauf, alle Elemente drinnen zu haben.

Frische Produkte
„Mir ist es wichtig, mit frischen Produkten zu arbeiten, es weitestgehend regional und saisonal zu halten“, betont Gaggl. Gute Küche hat für sie sehr viel mit Leidenschaft und Respekt zu tun. „Leidenschaft für seine Arbeit und Respekt für das Grundprodukt, das man verwendet.“ Sie möchte auf dieser Ebene Ehrlichkeit und Authentizität gewährleisten können. „Ich versuche die Prinzipien umzusetzen, die meine sind. Es geht um Frische, Qualität und Selbstgemachtes. Nur das ist drinnen, was drauf steht – ohne Zusätze.“ Neben eigenproduzierten Marmeladen, Chutneys oder Pestos ist Gaggl gerne in der Backstube unterwegs. Auch einen ganz speziellen Kaffee kann man in der cuchina genießen. Direkt gehandelt, speziell geröstet und so schmeckend wie Kaffee schmecken darf. „Von der Kaffeekirsche, die am Baum hängt, die wirklich schonend geerntet und aufbereitet wird. Die dunklen Industrieröstungen sind da etwas ganz anderes. Sie schmecken sonst nichts außer bitter und verdecken die Vielfalt des Aromas.“

Inspiration aus Nord und Ost
Extrem inspirierend findet Gaggl die nordische Küche, die „Geschmack“ zum Ziel hat: „Alle Produkte sollen nach dem schmecken, was sie sind. Wenn eine Karotte eine Karotte ist, soll und darf sie auch nach Karotte schmecken. Ohne fünfzig Zusätze, damit es dann nach irgendwas schmeckt.“ Ähnliches findet sie in Japan. „Beim Sushi schmeckt man, dass der Reis nach Reis und der Fisch nach Fisch schmeckt.“ Um dies umsetzen zu können, braucht es „spitzen Ausgangsprodukte“, ist Gaggl überzeugt. Doch das Gute liegt auch nah: „Viele Ideen kommen während dem Tun oder wenn man in der Hauptsaison auf den Markt geht und schaut, was es alles gibt.“ Und die Liebe zu ihrem Tun lädt herzlich dazu ein, den Gaumen natürlich zu inspirieren.

Es gibt immer wieder Kochkurse zu verschiedenen Themen.
Alexandra Gaggls Rezept-Tipp für einen Kärntner Reindling:

Germteig:
500 gr Weizenmehl T480
1/2 Würfel frische Hefe
100 gr weiche Butter
1/4 L Milch (32 Grad Celsius)
1 Ei
1 Dotter
50 gr Feinkristallzucker
7 gr Salz

Fülle:
50 gr geschmolzene Butter
100 gr Feinkristallzucker
2 EL Zimt gemahlen
100 gr Rosinen

Die trockenen Zutaten in den Rührkessel der Küchenmaschine einwiegen und mit einem Teigspatel gut vermischen.
Die Germ darüber bröseln. Die Milch, die Eier und die Butter zugeben und mit dem Knethaken in der Küchenmaschine 3 Minuten langsam und 7 min intensiver kneten. Anschliessend zugedeckt 30 min ruhen lassen.

Für die Fülle die Butter zerlassen und die Rosinen 10 min in heissem Wasser ziehen lassen und anschliessend abseihen.
Den Zucker mit dem Zimt vermischen.

Den Germteig 1 cm dick ausrollen. Mit der zerlassenen Butter bestreichen, mit Zucker-Zimt-Mischung und den Rosinen bestreuen. Den Germteig eng einrollen und schneckenförmig in eine gut bebutterte Reindlingform legen. In der Form zugedeckt nochmals 20 Minuten ruhen lassen. Vor dem backen mit flüssiger Butter bestreichen. Bei 180 Grad Celsius Heissluft 50-60 min backen.

„Mich würde es freuen, wenn die Leute mehr mit Sprache spielen“

Der junge, besonnene Wiener Sprachkünstler Robin Reithmayr alias „Mriri“ im Gespräch über sein Schaffen, Poetry Slam und das vielseitige Phänomen „Sprache“.

Woher kommt Dein Bedürfnis zum Schreiben?
Robin Reithmayr: „Das Bedürfnis, das ich am Anfang gehabt habe, das war einfach etwas sehr Therapeutisches. Ich habe angefangen im Herzschmerz zu schreiben. Ich schreibe natürlich auch wegen der Anerkennung. Ich glaube, dass kein Mensch, der irgendetwas mit Kunst macht, sagen kann, dass er nicht geil darauf wäre, Anerkennung zu kriegen. Nach wie vor ist es Therapie. Je schlechter es mir geht, desto mehr schreibe ich. Natürlich auch, weil es Spaß macht.“

Welchen Anspruch legst Du an Deine eigenen Texte?
Robin Reithmayr: „Mein Anspruch ist es, etwas zu schreiben, das noch nicht jemand geschrieben hat. Das bezieht sich sowohl auf das Inhaltliche als auch auf das Formale. Das Schwierigste ist es, einen guten Inhalt zu finden, der nicht voller Pathos ist.“

Was ist dieses „Pathos“?
Robin Reithmayr: „In diesem Kontext meine ich mit Pathos das Gefühlsschwangere, wo die Welt und der Schmerz überschwellen. Es kann zwar interessant sein, wenn es schön bearbeitet ist, aber ich mag es nicht, wenn der Text alles dokumentiert und jedes einzelne Gefühl ausspricht. Wenn der Inhalt eine Emotion hervorruft, ist das für mich schon genug. Das Raumgebende, dem Leser nicht alles zu servieren – diese Kunst des Offenlassens und des Weglassens – ist auch eine gewisse Form von Intelligenz, finde ich. Auch in dem Sinne, dass du dem Leser zutraust, dass er das versteht, dass er es ergänzen und irgend etwas damit machen kann. Wenn du alles am Silbertablett servierst, implizierst du ja, dass der Leser blöd ist.“

Was schreibst Du?
Robin Reithmayr: „Mein Fokus liegt auf der kleinen literarischen Form: Ich schreibe gerne Witze, Wortspiele, aber auch sehr gerne Gedichte. Ich schreibe einfach was ich will. Es entsteht auch sehr viel unterwegs. Ich habe meinen Block immer dabei, da kritzel ich immer herum. Manchmal schreibe ich Texte, wo ich nicht kontinuierlich daraus etwas machen kann, weil die Gedanken so komplex sind. Es sind immer wieder Texte am Entstehen, manchmal veränderst du sie. Manchmal erlebe ich Lustiges dank meines Faibles fürs handschriftliche Notieren: Ich denke an den Verkäufer beim Dönerstand, der mich extra nett behandelt, im Glauben ich wäre irgend ein Hygieneinspektor, weil er mich etwas Notieren sieht.“

Worin liegt die Verantwortung eines Autors?
Robin Reithmayr: „Verantwortung ist ein sehr abstrakter Begriff. Ich persönlich glaube nicht an Verantwortung. Ich glaube, niemand hat eine Verantwortung für irgendetwas. Von daher sehe ich auch keine Verantwortung beim Autor. Wenn überhaupt fühle ich mich dafür verantwortlich, so zu schreiben, dass es die Leute auch verstehen. Schließlich schreibe ich, um etwas zu erzählen.“

Worin liegt die Chance und die Kraft der Lyrik?
Robin Reithmayr: „Was die Lyrik kann ist, in der Knappheit der Sprache etwas zu sagen, was gar nicht weiter argumentiert werden muss. Eine Geschichte muss aufbauen. Es ist vielleicht so wie wenn man ein Fünf-Gänge-Menü mit einer dekorierten Praline vergleicht, wo jedes Detail stimt. Beim Fünf-Gänge-Menü kannst du dich reinschlemmern, du kannst dich da voll austoben. Das Gedicht ist eine Praline, die dir schmeckt oder nicht. Es ist sehr knapp, sehr konzentriert und von daher schwerer zugänglich. Das Gedicht ist etwas sehr Persönliches. Oft fällt es schwer als Aussenstehender die Intensität des darin konstruierten Moments zu erfassen.“

Was ist Poetry Slam?
Robin Reithmayr: „Eine Dichterschlacht oder so ähnlich. Beim Poetry Slam treten mehrere Leute, meistens zehn, gegeneinander an, die jeweils fünf Minuten Zeit haben, Selbstgeschriebenes zu performen. Das Publikum entscheidet, wer ins Finale kommt. Dann haben die Finalisten noch einmal die Chance etwas darzubieten und das Publikum entscheidet dann auch, wer gewonnen hat. Es ist eine sehr gute Atmosphäre, um Dinge zu lernen. Es ist sehr spielerisch. Anders wie auf Theaterbühnen erwarten die Leute auch nicht, dass du es perfekt machst. Es sind ganz normale Leute, die etwas machen und keine Burgschauspieler. Es geht um leicht verständliche Sachen. Es ist schon ein bisschen verpönt in der normalen Literaturszene, da das Format auf die breite Masse ausgelegt ist. Vielleicht steckt dahinter auch ein gewisser Neid diesbezüglich.“

Worin liegt die Musikalität eines Poetry-Slams?
Robin Reithmayr: „Rap und Poetry Slam sind verwandt. Du darfst auch auf einer Poetry-Slam-Bühne rappen. Singen ist nur teilweise erlaubt. Es hat auch etwas von Standup-Comedy. Es geht im Sprachspiel auch um die Freude am Experiment.“

Wie ist es um die Poetry-Slam-Szene in Österreich bestellt?
Robin Reithmayr: „In Wien gibt es mittlerweile massenhaft Slams. Nicht alle sind öffentlich zugänglich. Als Anfänger hast du sicher mindestens 3mal im Monat die Möglichkeit aufzutreten.“

Wie wichtig ist Sprache in unserer Gesellschaft?
Robin Reithmayr: „Davon abgesehen, dass wir damit kommunizieren, glaube ich, dass Sprache sehr viel mehr macht, als wir wahrnehmen können. Sprache ist ja auch oftmals sehr doppeldeutig. Durch diese Doppeldeutigkeit wird sehr viel mehr transportiert, was wir oft gar nicht bewusst wahrnehmen. Sprache schafft Realität. Beobachten wir ein altes Ehepaar. Es hat gerade den Bus verpasst. Sie: Ja, hättest du nicht so lang getrödelt. Da schafft sie die Realität: Ja du hast getrödelt und deswegen hab ich den Bus verpasst. Dann sagt er: Von wegen. Wenn du früher gefrühstückt hättest, hätten wir es auch geschafft. Dann schafft er diese Realität. Beim Poetry Slam kommt das insofern noch mehr zur Geltung, weil du einfach in den fünf Minuten deine Realität schaffst und die Leute versuchst in dieser Zeit da reinzuziehen.“

Was würdest Du Dir vom Umgang mit Sprache wünschen?
Robin Reithmayr: „Mich würde es freuen, wenn die Leute mehr mit Sprache spielen – weil es so viele Möglichkeiten gibt, damit etwas zu machen. Sprache besteht aus von uns gemachten Geräuschen. Wörter können doppeldeutig sein oder ähnlich klingen. Da würde ich mir wünschen, dass die Leute mehr darauf achten und Sprache nicht nur gebrauchen, um Information zu transportieren, sondern auch auf diese Metaebene einsteigen. In dem Sinne, was Sprache macht, was Sprache kann. Das würde mich sehr freuen. Aber ich weiß nicht, ob ich mir das erwarten darf.“